Begriff gesucht

Im Englischen gibt es das Wort “mansplaning“, zusammengesetzt aus “man” und “explaining” (erklären). Es gibt unterschiedliche Definitionen, eine davon ist: wenn ein Mann einer Frau etwas erklärt, da er annimmt, sie habe keine Ahnung davon, allein aus der Tatsache heraus, dass sie eine Frau ist. Wenn ich in die Technik- oder Videospielabteilung eines Multimedialadens wandere, passiert mir das derweil, wenn auch immer seltener.

Auf den Artikel, den ich heute gelesen habe, trifft “mansplaining” nicht zu. Zwar wurde der Artikel in der Tat von einem Mann geschrieben, aber es geht um Menschen mit Kindern, die Familie mit Beruf vereinbaren wollen und damit ihre Probleme haben, Mütter wie Väter (obwohl diese leider etwas zu kurz kommen, später mehr dazu).

Ich bräuchte hier einen Begriff der greift, wenn kinderlose Menschen Familien ihre Welt und vor allem ihre Probleme erklären. Nicht zum ersten Mal, übrigens (“geh doch nicht immer gleich hin, wenn es weint, du verwöhnst das Kind nur!” etc.). Im konkreten Fall geht es um den Artikel “Sonst noch was?” von Tobias Haberl aus der SZ, auf den ich über Twitter stieß.

 

 

 

Der Autor hat ein, so sagt er, stress- und sorgenfreies Leben – er hat keine Kinder. Das Wort “weil” oder “denn” fällt hier nicht. Ich fühle mich an dieser Stelle dennoch gezwungen, daran zu erinnern:  Das eine hat mit dem anderen nur bedingt zu tun, sondern vor allem mit einem sicheren Einkommen und einem gewissen sozialen Status. “Ich kann verreisen, wann und wohin und so lange ich will” – das kann leider längst nicht jeder behaupten, der keine Kinder hat.

Tobias Haberl möchte aber Kinder und will vorbereitend die Spezies Eltern, zu denen er einmal zählen möchte, kennenlernen. Wie einst Jane Goodall die Gorillas beobachtet er sie.

“Worüber sprechen, worüber jammern sie? Wirken sie gestresst oder glücklich? Zerrissen oder zufrieden? Lieben sie ihre Kinder oder dekorieren sie sich nur mit ihnen?”

Wenn es nur immer so einfach wäre, all diese Dinge von außen beurteilen zu können. Ich nehme mich da absolut nicht aus – aber ich bin mit meinen Urteilen vorsichtiger geworden, seit ich selbst ein Kind habe.

Von dieser seiner Warte stellt er jedenfalls fest, es sind vor allem wir, die Frauen,

“die verzichten oder sich aufreiben, weil sie es allen recht machen wollen: ihren Kindern, ihrem Mann, ihrem Chef, ihren Freunden und sich selbst.”

Das stimmt. Eine nicht unerhebliche Anzahl Frauen reiben sich zwischen Karriere und Familie auf, weil sie es vielen Menschen rechtmachen wollen. Beispielsweise ihren Vermietern, den Gaswerken, dem Finanzamt und ihrem freundlichen Sachbearbeiter bei der Bank.

Das ist mein größtes Problem an diesem Artikel. Er blickt, wie anfangs schon angedeutet, über den Tellerrand des Privilegs nicht hinaus. Den ganzen Stress mit Kindern und Karriere, so der Artikel, macht man sich, wenn man den Hals nicht vollkriegen kann – und wieder sind es vor allem die Frauen, die dadurch schon ein “bisschen neurotisch” auf den Autor wirken.

“Wenn eine junge Frau aus der Mitte der Gesellschaft in Panik verfällt, weil sie sich nicht vorstellen kann, wie sie das schaffen soll: ein Kind haben, einen Job haben und nicht unter die Räder kommen – wohlgemerkt in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde, nämlich Deutschland, mit einem Sozialstaat, der Betreuungsgeld, Kindergeld, Elterngeld, Mutterschaftsgeld bereitstellt – alles Wohltaten, von denen drei Viertel der Menschheit noch nie etwas gehört hat.”

Bewusst überspitzt: Liebe Frauen, wir hören uns also ungefähr so an:

“Mimi! Mimimimi! Miii miii!”

Es geht! Alles geht. Wir dürfen nicht nur so verdammt gierig sein. Und immer dran denken: anderen geht es wesentlich schlimmer als uns.

Letzteres ist wohl richtig, aber ist es relevant? Darf ich nicht für höhere Löhne kämpfen, nur weil ich weiß, dass anderswo Menschen noch weniger verdienen? Muss ich dankbar vor jeder Entscheidung der Regierung resignieren, weil wir immerhin nicht in einer Diktatur leben, ich ein Dach über dem Kopf habe und nicht hungern muss? All dies ist furchtbar und verdient Engagement und Aufmerksamkeit, es heißt aber nicht, dass man nicht mehr danach streben darf, sein eigenes Leben zu verbessern. Aber alles, was ich aus dem Artikel heraushöre ist, dass genau das Jammern auf verdammt hohem Niveau ist.

“Wir gehen davon aus, dass uns alles zusteht und wir es uns redlich verdient haben, jeden Aspekt des Lebens kennenzulernen und auszukosten – aber das ist falsch. [Es gibt] keine unschuldige Emanzipation. Immer wird der Konflikt auf irgendjemandes Rücken ausgetragen, jahrhundertelang auf dem der Frauen und heute eben auf dem der Kinder.”

Ja. Mist auch. Jetzt haben wir den Salat.

“Es ist eine Tatsache, dass den Frauen der Zugang in die Chefetagen und damit zu beruflicher Verwirklichung ermöglicht werden muss. Es ist aber auch eine Tatsache, dass sich jetzt auch noch die andere Hälfte der Menschheit in die Hände einer Effizienz- und Wachstumslogik begeben hat, die erstens Stress auslöst und zweitens Mütter und Väter immer mehr zu Konkurrenten werden lässt.”

Wir Dr. Mutti in ihrem schönen Essay schreibt:

“Das ganze Gegeier der Frauen nach Jobs macht also nicht nur die armen Kinder, sondern auch noch die Beziehungen kaputt.”

Was mir in diesem Artikel fehlt  (neben den alleinerziehenden Müttern und Vätern und sowieso allem, was vom klassischen Familienbild abweicht, aber das steht auf einem ganz anderen Blatt) sind die Väter, und das obwohl der Text von einem Mann geschrieben wurde, der mal ein Vater sein möchte. Es ging bisher größtenteils  um jammernde, fordernde, neurotische Frauen. Familie und Beruf zu vereinen geht nicht ohne Kompromisse und Opfer, da stimme ich dem Autoren absolut zu. Aber es geht tatsächlich, ohne dass sich Frauen sich zwischen Job und Familie zwangsläufig kaputtbiegen müssen – indem es für die Männer ebenfalls leichter wird, mehr für die Familie zu tun. Mit flexibleren Arbeitszeiten. Durch Firmenkindergärten. Teilzeitjobs. Mit einer familienfreundlicheren Politik und Arbeitslandschaft also. Die Väter würden gerne, sehr gerne sogar – auch sie gehören schließlich zu den vom Autor zitierten 90 Prozent der Deutschen im Familienreport, die so lauthals nach all diesen Erleichterungen schreien, die wir, so der Artikel, eigentlich nicht brauchen.

” Ausgerechnet in dem Land, das weltweit die beste Infrastruktur bereitstellt, ein Kind zur Welt zu bringen und zu einem gesunden und glücklichen Menschen zu erziehen, werden fast keine mehr geboren, weil sie uns beim Leben und Arbeiten stören.”

Eine Schlussfolgerung, die meiner Meinung nach hakt.

Wenn ein Haus angeblich perfekt geschnitten, günstig und gut angebunden ist und trotzdem niemand einzieht, stimmt meistens irgendetwas nicht, und der Grund liegt selten bei den verwöhnten Wohnungssuchern.

Wenn es in einem Land, das angeblich ein wahres Paradies für Kinder und Familien ist, nicht Kinder links und rechts hagelt, sollte man ebenfalls über die Ursachen nachdenken. Wenn es nur an den karrieregeilen Müttern liegt, die auf nichts verzichten wollen, warum führte Schweden 2012 die Ranglisten der Frauenerwerbstätigenquote in der EU mit 71,8 % an, schafft aber trotzdem eine Geburtenrate von 1,9?

“Experten führen dies unter anderem auf die politischen Rahmenbedingungen zurück, die Familien optimal unterstützen: Die Familiengründung wird finanziell durch einkommensabhängiges Elterngeld und Elternurlaub unterstützt. Zudem begünstigen die Gleichstellung der Geschlechter sowie ein gut ausgebautes Kinderbetreuungssystem eine hohe Erwerbstätigkeit von Frauen. “

Vielleicht haben die Schwedinnen einfach lauter “MIMIMI” gebrüllt als wir.

In diesem Sinne:

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