Wenn der Kandidat zweimal klingelt

Früher Abend – Herr Maus bringt gerade den Nachwuchs zu Bett, als es klingelt. An der Gegensprechanlage ist niemand, ich höre aber, wie eine Etage unter mir die Nachbarin jemanden abwimmelt. “Ich lass Ihnen noch ein paar Infos da,” ist das letzte was ich höre. Dann werde ich ins Schlafzimmer gerufen, heute hat das Sandmännchen Startschwierigkeiten.

Als es wenige Minuten später direkt an unserer Wohnungstür klingelt, murmele ich zwischen Wiegen und Schlafliedsingen nur: “Ist nur einer dieser Klinkenputzer. Der will bestimmt nur was verkaufen. Gar nicht erst aufmachen.” Ein paar Minuten später gibt die Person auf und wir hören, wie jemand das Treppenhaus verlässt.

Später will Herr Maus noch einmal runter in den Keller. Auf dem Weg dahin lacht er und ruft mich in den Flur.

Wir wissen jetzt, wer der Klinkenputzer war – keiner von Unitymedia oder dem gastierenden Zirkus, auch nicht von der Telefongesellschaft oder einem Stromanbieter, es war ein junger Mann, der uns schon seit Wochen von Wahlplakaten anlächelt – unser CDU-Stadtratskandidat. Höchstpersönlich. Und Schokolade hat er auch dagelassen.

 

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Ich bin zwar ehrlich gesagt froh, dass ich ihn nicht persönlich abwimmeln musste, aber leid tut er mir schon. Es hagelte gerade und hier in der Gegend will man um die Zeit eigentlich vor allem eins: seine Ruhe.

Erinnert hat mich das Ganze an einen Dokumentarfilm von Kazuhiro Soda über einen Wahlkandidaten des Stadtrates von Kawasaki , den ich irgendwann einmal auf Arte oder Phoenix gesehen habe. Er  lief 2007 auf der Berlinale und ist sehr sehenswert. Es geht zwar um einen japanischen Kandidaten, aber ich glaube nicht, dass das hierzulande so wahnsinnig viel anders läuft. Man kann ihn in drei Teilen auf Youtube finden. Hier ist der erste Teil.

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