Abenteuer Kleinkindabteil

Mit zunehmendem Alter werden längere Autofahrten durch das schrumpfende Schlaf- und wachsendes Bewegungsbedürfnis des Kindes schwierig. Also sieht man sich zwangsläufig nach Alternativen um. Ich kenne Familien, die fliegen eiskalt mit zwei Unter-Dreijährigen, aber dazu fehlen mir die Nerven. Das Beamen ist leider Gottes immer noch nicht erfunden also blieb der ICE und das Familien- bzw. Kleinkindabteil, das mir von mehreren reisenden Familien bereits empfohlen wurde.

Als moderne Mutter googelt man sich natürlich erstmal die Finger wund. Das erspare ich euch hiermit.

Kleinkindabteil ist nicht gleich Kleinkindabteil, da die Bauart vom Zugmodell abhängig ist.  kidsaway.de hat eine Tabelle zusammengestellt, in welchem Zug ihr welches Abteil erwarten könnt – ihr habt entweder einfach etwas mehr Platz oder sogar ein kleines Spielzimmer.  Um herauszufinden, mit welchem Zug ihr fahrt, müsst ihr nur in  dieser beeindruckenden Datenbank unter “Zuggattung” ICE und unter “Zugnummer” die ICE-Nummer eingeben.

In meinem Fall stimmte die oben verlinkte Tabelle schon mal nicht ganz, denn bei meinem Zug handelte es sich um einen ICE 2, das Kleinkindabteil war aber ein normales, wenn auch etwas größeres Abteil mit insgesamt 8 Sitzen und zwei Abstellplätzen für Kinderwägen. Soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, handelt es sich hier um die am häufigsten eingesetzte Variante.

Hier nun meine bescheidenen Reiseerfahrungen allein mit einem einjährigen Kind während einer viereinhalbstündigen Zugfahrt. Eigentlich waren sie im Grunde genommen positiv.

+ Reservierungen sind auf Eltern mit Kind beschränkt.

+ Pro Kind bekommt man eine Sitzplatzreservierung unabhängig vom Alter. Ich hatte also zwei Sitze zur Verfügung, da die kleine Vorstadtmaus entweder auf dem Boden herumkrabbelte oder auf meinem Schoß saß

+ Unser Abteil auf der Rückfahrt war sehr, das auf der Hinfahrt leidlich sauber. Das hatte aber auch damit zu tun, dass wir im Startbahnhof losgefahren sind.

+ Das Abteil ist zwei Schritte weg von der Tür, so dass man schnell ein- und aussteigen kann.

+ Es gibt kindersichere Steckdosen zwischen den Sitzen.

+ Kinder können sich im Bordbistro einen kostenlosen Spielzeug-ICE abholen. Das scheint allerdings eher ein Insider-Tipp von Vielreisenden zu sein, im Zug erfährt man davon nichts.

+ Die mitreisenden Familien waren jedesmal freundliche, unaufdringliche Menschen mit gut erzogenen, netten Kindern, so dass unsere Fahrten sehr kurzweilig waren.

Leider habe ich aber auch ein paar nicht unerhebliche Kritikpunkte:

– Die Klimaanlage bullert die ganze Zeit und man kann nur die Temperatur leidlich regulieren. Auf der Hinfahrt war es frisch und auf der Rückfahrt muckelig. Beim Anziehen der Kinder empfehle ich daher dringend die Zwiebeltaktik (mehrschichtig).

– Die Tür ist aus Glas und schließt nur sehr schwer. Einhändig  mit Baby auf der Hüfte ist sie kaum zu bedienen und bei einem starken Ruckler kann es hier bei kleinen Reisenden Beulen und Tränen geben.

– Für Gepäck ist nur beschränkt Platz. Bei drei Familien wurde es ziemlich eng in den Gepäckablagen.

Mein letzter Kritikpunkt sind eigentlich zwei und verdienen ihren eigenen Absatz.

Erstens: Im ganzen, langen ICE gibt es nur ein einziges Familienabteil. Mit gerade mal  zwei Tischen und zwei Plätzen zum Abstellen des Kinderwagens. Unser Abteil war auf der Rückfahrt mit mir, der kleinen Maus und zwei weiteren Familien mit jeweils zwei Kindern zum Anschlag gefüllt, wobei ein Kinderwagen im Flur stehen musste. Der Vorstadtmäuserich hätte gar nicht mehr hineingepasst.

Das ist eine Sache. Liebe Deutsche Bahn, das ist mehr als ausbaufähig.

Die andere Sache sind die Fahrgäste, die das Abteil nutzen, obwohl es nicht für sie bestimmt ist.

Zweitens: Denn trotz dieses mehr als mageren Angebotes für reisende Familien setzen sich immer wieder Leute in dieses Abteil, die meiner Meinung nach nicht dorthin gehören. Das liegt an der sehr lockeren Vorgabe der Bahn, die das Abteil “vorrangig” für Familien mit Kindern ausschreibt. Heißt, wenn niemand meckert oder reserviert hat, kann sich dort theoretisch jeder hinsetzen.

Zweimal hatte ich daher zwischendurch das Vergnügen mit “normalen” ICE-Reisenden zusammenzusitzen. Einmal, “weil sonst alles voll war” (Geschäftsreisende) und ein andermal, weil ein abgetrenntes Abteil ja so viel bequemer war (zwei alte Damen).

Bevor jetzt jemand die Augen rollt: Nein, ich umgebe mich NICHT nur mit Familien und bin auch schon oft und gerne in Konstellationen verreist, wo ich die Einzige mit Kind war. Und ja, Leute, die sich in das Familienabteil setzen, wissen ja, worauf sie sich da einlassen und haben damit das Recht verspielt, genauso ruhig zu reisen wie in einem normalen Abteil.

Alles schön und gut, wenn es mehr Platz für Familien im Zug gäbe. Gibt es aber nicht. Der mir durch meine Reservierung zustehende Platz für mich und mein Kind ist genaugenommen auf zwei Sitze und einen halben Tisch beschränkt. Wer auch nur einmal eine Einjährige in Aktion gesehen hat weiß, wie realitätsfern dieses Szenario für eine viereinhalbstündige Zugfahrt ist.

Ist also das Familienabteil nicht bis zum Anschlag voll, möchte ich den so gewonnenen Platz nicht an überschwappende Reisende abtreten, sondern für mich und mein Kind nutzen. Bevor mich noch jemand für herzlos hält: Gebrechliche, fußkranke, schwangere, schwer beladene und sonst wie eines Sitzplatz bedürftige Menschen können sich meinetwegen gerne dort niederlassen. Das war aber bei uns nicht der Fall. Die älteren Damen wollten lediglich ein geschlossenes Abteil für sich und die zwei Geschäftsreisenden im besten Alter nicht stehen

Warum will ich nicht teilen?  Nicht nur wegen der Quadratmeteranzahl.

Setzen sich Leute ohne Kinder in das Abteil, beteuern sie jedesmal, dass es ihnen üüüüüberhaupt nichts ausmacht, weist man sie auf die Gegebenheiten hin.

Und das, so leid es mir tut, ist eine faustdicke Lüge.

Ich sehe, wie sich bei euch erbost die Nackenhaare aufstellen. Ihr seid doch alle familienfreundlich! Kindertolerant!

Wirklich? Geht einmal in euch. Es macht euch also nichts aus…

…. wenn ein Kind lacht, quietscht und gluckst oder auch mal heult während ihr euch mit einer Kollegin über das anstehende Meeting austauscht?

….dass Eure auf dem Boden stehende Tasche ständig in Gefahr läuft, angetascht oder überstolpert zu werden?

…. dass ihr nur einen Zugruckler oder eine heftige Armbewegung davon entfernt seid, dass sich eine Wasserflasche oder eine Kekstüte über euren Moleskines entleert?

… wenn dasselbe Pixie-Buch viermal hintereinander vorgelesen wird? Mit realistischen Tierstimmen?

…wenn jeder Baum und jede Kuh draußen bestaunt und benannt wird?

… es plötzlich ziemlich streng riecht?

Nickt ruhig, wie ihr wollt. Ich weiß es besser – es macht euch etwas aus. Das ist auch gar nicht schlimm. Das ist völlig normal. Den täglichen Wahnsinn mit Kindern muss nicht jeder mögen. Eltern sind keine besseren Menschen, sie sind nur hart im Nehmen.

Und ich bin ein rücksichtsvoller Mensch und daher bemüht, mein Kind für euch ruhig zu halten, nicht krabbeln zu lassen, auf der wackligen Zugtoilette zu wickeln, bei jeder Mahlzeit zu hoffen, dass es nicht Katapult mit dem Löffel spielt. Ich muss das nicht, sagt ihr, ich tue es trotzdem, ich kann nicht anders. Das bedeutet eins für mich: Stress. Dem ich eigentlich dadurch entgehen wollte, dass ich drei Wochen vor Abreise zwei Plätze in diesem einen kleinen Abteil ergattert habe.

Ja, Kinder haben keinen Freifahrtschein dafür, Lärm zu machen, rumzunerven, alles einzusauen. Man kann es aber nicht immer verhindern – erst recht nicht auf einer langen Reise und wenn das Kind noch sehr klein ist (wie im Wort “Kleinkindabteil” ja wunderbar beschrieben). Und zumindest für mich ist das in Gesellschaft anderer Familien einfach eine gute Ecke weniger stressig. Man ist unter Leidensgenossen. Ausrutscher werden auch hier nicht bejubelt, aber zumindest nicht übel genommen. Ich höre mir gerne viermal den Raben Socke an, wenn ich dafür weiß, dass mir die Spuckespuren auf der Reisetasche nicht angekreidet werden.

Daher, liebe Mitreisende: Wenn ihr im ICE bequem sitzen wollt – reserviert. Oder bleibt stehen. Aber setzt euch nicht ohne Kind ins Familienabteil.

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Fantasy Filmfest 2014: Cold in July

“This is not the guy I shot.”

Der Albtraum eines jeden Familienvaters: Mitten in der Nacht steht Bilderrahmer Richard Dane (Michael C. Hall, DEXTER) einem Einbrecher gegenüber. Der sonst eher friedliche Zeitgenosse drückt ab – und plagt sich ab diesem Moment mit Ängsten und Selbstzweifeln. Als wäre das nicht genug, stellt sich heraus, dass der tote Kriminelle einen ebenso kriminellen Vater hat, Russel (Sam Shepard), der frisch aus dem Knast entlassen wird. Und der steht plötzlich in Richards Haus…

Nach all den Filmen voller Metaebeneen, Symbolik und Twists war es regelrecht erfrischend einen völlig gerade gestrickten Thriller zu sehen. Er hat zwar eine einzige recht überraschende Wendung, die ich hier auch nicht verraten möchte, jedoch relativ am Anfang des Filmes. COLD IN JULY basiert auf dem 1989 geschriebenen Krimi gleichen Namens und ist sowohl von der Machart als vom Setting ein ganz klassischer 80er Streifen, vom Soundtrack bis zu Michael C. Halls Vokuhila. Die Hauptdarsteller zeigen ihr ganzes Können, harmonieren wunderbar und geben der Geschichte mehr Tiefgang, als man eigentlich erwarten könnte. Besonders Don Johnson macht seine Rolle als texanischer Privatdetektiv, komplett mit Cowboyhut und Schweinefarm, sichtliches Vergnügen.

Ein schlicht und ergreifend gut gemachter Film (man möchte fast sagen “Kostümdrama”) ohne viel Schnörkel und mit reichlich Action, der nie mehr sein will, als er ist. Trotzdem schafft er es nicht seicht zu wirken und bietet deswegen weit mehr, als oberflächliches Popkornkino.

9/10 Schnurrbärte

 

Das war das Fantasy Filmfest 2014 für mich:

 

9 Filme gesehen

Durchschnittspunktzahl: 7,6

Am meisten gegruselt bei: THE CANAL

Am meisten gegähnt bei: JAMIE MARKS IS DEAD

Am meisten gelacht bei: WHAT WE DO IN THE SHADOWS

Zufälliges Oberthema: Väter und Söhne

Wir sehen uns bei den Fantasy Filmfest Nights 2015!

Fantasy Filmfest 2014: Oculus – Spieglein, Spieglein an der Wand

“You promised me you would never forget what really happened.”

Spiegel sind wohl mit das beliebteste Objekt in Spukgeschichten. Man erinnere sich beispielsweise an die Legende der Bloody Mary, die angeblich erscheint, wenn man ihren Namen dreimal vor einem Spiegel ausspricht.

Auch der Spiegel in OCULUS hat es in sich – das denkt zumindest Kaylie. Sie und ihr jüngerer Bruder Tim mussten als Kinder mitansehen, wie ihr Vater ihre Mutter brutal quälte und ermordete.  Kaylie kam ins Waisenhaus, Tim in die psychiatrische Anstalt. Jetzt wird Tim entlassen und muss widerwillig mitansehen, wie Kaylie dem Geheimnis des Spiegels auf den Grund gehen will.

OCULUS läuft auf zwei Zeitebenen, beide nach bekanntem Muster gestrickt. In der Gegenwart findet eine paranormale Investigation statt, die langsam außer Kontrolle gerät. In Flashbacks sehen wir, was damals vor der Katastrophe geschah – oder auch nicht, denn schließlich könnten die Kinder es sich auch eingebildet haben.

Ich glaube, ich hätte OCULUS mehr genossen, wenn ich vorher nicht THE CANAL gesehen hätte, der in meinen Augen (…haha) all das richtig gemacht, was mich an OCULUS stört. Zunächst tendiert OCULUS dazu, dem Zuschauer durch die Geschwisterfiguren haarklein zu erzählen, was doch offensichtlich ist. Dazu fand ich Karen Gillian (Amy Pond aus DR. WHO) als Kaylie einfach nicht überzeugend. Sie läuft mit zusammengepressten Lippen, harschen Gesten und Worten durch die Gegend, gibt aber der Figur ansonsten kaum Tiefe (ganz im Gegenteil zu ihrer jüngeren Kollegin Annalise Basso, die Kaylie als Kind spielt). Außerdem ist bei der Frage “verrückt vs. Geist” recht bald relativ klar, in welche Richtung der Film geht. Die Gruseleffekte sind gut gesetzt, verlieren aber mit zunehmendem Einsatz an Schlagkraft.

Dem Film, der einige schöne Gruselmomente und Effekte bietet, geht so etwa nach drei Vierteln die Puste aus, so dass zumindest ich das Ende eher augenrollend herbeisehnte, anstatt mich am Sitz festzuhalten.

6/10 Spiegelscherben

 

 

Fantasy Filmfest 2014: Coherence – Was wäre wenn

“We don’t even belong here.”

COHERENCE ist einer der Filme über die man erst etwas lesen sollte, wenn man ihn gesehen hat, daher hier eine sehr vorsichtige Zusammenfassung.

Acht Freunde treffen sich zu einem gemütlichen Abend bei Wein und gutem Essen. Die üblichen kleinen Verstrickungen und Dramen ganz normaler Menschen werden mit an den Tisch gebracht – stagnierende Karrieren, Eifersucht, zerbrochene Beziehungen, all das, was passiert, wenn man sich in einer Gruppe lange Jahre kennt. (Ganz großartig: Nicholas Brendon spielt sich als Ex-Serienstar in einer übertriebenen Version selbst und bringt denselben Charme und Situationswitz mit wie zu den besten BUFFY-Zeiten).

In dieser Nacht zieht ein großer Komet über die Erde und kleinere Auswirkungen bekommen die Acht zu spüren – Gläser zerbrechen, Handys gehen kaputt und plötzlich fällt der Strom aus. Auf der ganzen Straße hat nur ein Haus Licht und zwei der Männer laufen hinüber, um zu telefonieren. Als sie zurückkehren, weigern sie sich zunächst zu erzählen, was sie gesehen haben und halten eine Kiste in der Hand. In der befinden sich numerierte Fotos aller Anwesenden. Und es wird immer noch seltsamer.

Was genau geschieht, findet der Zuschauer nur langsam heraus und wenn er es versteht, wünscht man sich zurückzuspulen, um die verschiedenen Ebenen, die der Film Stück für Stück aufeinanderschichtet nachvollziehen zu können.

COHERENCE ist ein Film, der sacken muss. Direkt nach dem Kinobesuch hätte ich ihm noch gut drei Punkte weniger gegeben. Aber je mehr ich über ihn nachdachte und auch las (er wurde innerhalb einer Woche im Wohnzimmer des Regisseurs gedreht und ist fast völlig frei improvisiert), desto besser fand ich ihn. Man muss sich auf ihn einlassen und bereit für Gedankenspiele zu sein, die einem den Kopf manchmal ganz schön rauchen lassen.

Das Einzige, was mich extrem gestört hat, war die Kameraführung. Regisseur James Ward Byrkit, bekannt als Autor von RANGO, hatte kein Budget und sparte sich daher das Kamerateam. Das ist ja schön und gut, aber er hätte weniger am Fokus herumdrehen sollen. Der ständige Einsatz von extremer Schärfentiefe machte mir besonders am Anfang des Filmes, als ich noch nicht wusste, wohin die Reise gehen soll, regelrecht Kopfschmerzen.

Ein Film, der auf mehreren Leveln unterhält und zum Nachdenken anregt. Ich stelle ihn gewagt auf dasselbe Niveau mit MEMENTO, indem ich behaupte, dass man für das volle Filmerlebnis vorher so wenig darüber wissen und ihn direkt danach noch einmal sehen sollte.

9/10 Leuchtstäbe

Fantasy Filmfest 2014: The Canal – Vatersorgen

Für mich ist das Fantasy Filmfest 2014 aus Termingründen schon wieder vorbei, aber ein paar Rezensionen bin ich euch ja noch schuldig.

Fangen wir an mit THE CANAL, einem irländischen Horrorfilm von Regisseur Ivan Kavanagh.

“There is something back in the room with you”

Eigentlich hat der Filmarchivist David ein tolles Leben: er ist glücklich verheiratet mit einer wunderschönen Frau, zusammen haben sie einen kleiner Sohn und leben im idyllischen Eigenheim in einer ruhigen Stadt am Kanalufer. Doch Alice kommt abends immer später nach Hause und bei der Durchsicht von altem Filmmaterial entdeckt David, dass schreckliche Dinge in seinem Haus geschehen sind. Dann verschwindet Alice, nachdem David sie  beim Fremdgehen beobachtet. Er ist sich sicher, dass die böse Präsenz, die er hinter den Wänden hört und auch immer wieder auf Film sieht, dafür verantwortlich ist. Aber niemand glaubt ihm und so ist er bald auf sich alleine gestellt, sich und seinen Sohn vor dem vermeintlichen Dämon zu schützen.

Ist der Protagonist nun einfach verrückt oder hat das Übernatürliche wirklich die Hand im Spiel – ein Thema, so alt wie das Horrorgenre. THE CANAL schafft es tatsächlich, bis zum bitteren Ende sowohl den Zuschauer als auch seinen Protagonisten im Unklaren zu lassen, was hier geschieht. Die bedrückende Atmosphäre des Films war durchgehend spürbar, im Saal herrschte Totenstille, was beim verwöhnten Fantasy Filmfest-Publikum nicht unbedingt selbstverständlich ist. Szenenaufbau, Bildkomposition und Soundtrack wurden so gewählt, dass man sich auch in ruhigen Momenten nie so wirklich ganz wohl fühlen konnte. Die Schockeffekte waren gut gesetzt und wirkten nur am Schluss ein bisschen übertrieben, so dass der Film zwar nicht unbedingt das Genre neu erfindet, aber von mir eine klare Empfehlung erhält.

Ein wenig mehr in die Tiefe hätte es hier und da ruhig gehen können, aber das sind reine Schönheitsfehler. Besonders gefallen hat mir auch das nüchterne Ende, das gleichzeitig final ist und dennoch alles offen lässt. Ein Horrorfilm, der den Namen auch verdient hat – in jeglicher Hinsicht. Auch die Besetzung lässt keine Wünsche offen, insbesondere der kleine Calum Heath verdient einen Orden für “Bester nicht ständig nervender Junge in einem Horrorfilm”. Ein bekanntes Gesicht ist Antonia Campell-Hughes, die ich zuletzt in der Verfilmung von Natascha Kampuschs Biografie “3096 Tage” in der Hauptrolle bewundert habe.

9/10 Filmrollen

Die bizarre Welt der Kinderliteratur

Über den seit ein paar Jahren grassierenden Wahn, Produkte für Kinder in rosa und blaue Sortimente zu unterteilen, um doppelt so viel Geld zu machen gibt es inzwischen so viele gute Posts, dass ich mir die Mühe spare und euch einfach weiterverlinke

http://dasnuf.de/zeug/nicht-oder-nicht-oder-und-und/

http://cloudette.net/2014/09/04/madchen-oder-junge-oder/

http://www.stilhaeschen.de/?p=2478

Nun hat die Verfasserin des ersten Artikels darum gebeten, einmal die Augen nach ebensolchen Produkten aufzuhalten. Beim heutigen Einkauf lief ich prompt hieran vorbei:

 

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Bei Amazon schaute ich nach der Inhaltsangabe und stellte fest, dass hier weitaus mehr zu entdecken gab, als die ärgerliche Jungs/Mädchenaufteilung.

Wer das Angebot für ein Schnäppchen hält (immerhin nur 2 Cent pro Geschichte), sollte zuerst bedenken dass 365 nur durch eine sehr großzügige Zählung zusammenkommt, bei der auch Abzählreime wie “Häschen in der Grube” eine Geschichte ist.

In beiden Büchern finden sich ganz klassische Kinderlieder und Märchen, die seit Jahrhunderten sowohl Mädchen als auch Jungen vorgelesen werden, oft auch in beiden Bänden abgedruckt. Ein weiterer Beweis dafür, dass hier nur den Eltern das Geld zweimal aus der Tasche geleiert werden soll.

Ansonsten die übliche Trennung. Bei den Mädels kann man über “Ballerina Bella”  und “Tessa, die schusselige Tierärztin” lesen (“… und dann hab ich meine Armbanduhr IN DER KUH VERLOREN”), bei den Jungs begegnet man “Freddy, dem furchtlose Feuerwehrmann” und “Harry, dem hurtigen Handwerker” – mangelnder Realismus ist bei Kinderbüchern ja nun wirklich keine Seltenheit. Angesichts des Alliterationstornados frage ich mich, ob sich hierein RTL2-Reality-Soap-Texter ein Zubrot verdient hat.

Andere Titel lassen Schlimmes ahnen:

“Frau Beckers Becken” (oder: “Die 10 besten Orthopädenwitze”)

“Stinki” (“Wie ich trotz Körpergeruch Freunde fand”)

“Der kleine Mischling Monty” (Bitte, bitte, lass Monty ein Tier sein)

“Schwänzchenjagd” (…)

 

Meine Produktempfehlung: Anzünden und schnell weglaufen.

 

Fantasy Filmfest 2014: What we do in the shadows – Bis(s) zur WG-Konferenz

Don’t eat the camera guys! … maybe one camera guy.

Viago, Vladislav, Deacon und Petyr leben in einer WG im Städtchen Wellington, Neuseeland. Wie es in einer Männer-WG so ist gibt es die üblichen Streitereien um den Abwasch, Damenbesuch und um’s Essen, aber eigentlich verstehen die vier sich prächtig. Sie geben sich Modetipps, gehen nachts gemeinsam aus, trösten sich bei Liebeskummer und —haben wir erwähnt, dass es sich hier um vier Vampire handelt?

Der Film ist im Stile einer Dokusoap a la “Jersey Shore” gedreht, komplett mit Interviews der Mitbewohner und wackeliger Kameraführung. Die Regisseure sind gleichzeitig zwei der Hauptdarsteller und brillieren sowohl vor als auch hinter der Kamera. Auf äußerst unterhaltsame Weise nehmen sie das Vampirfilmgenre auseinander und zollen ihm gleichzeitig liebevoll Respekt. Vom Nosferatu-ähnlichen Peter (8000 Jahre) , der in einem Steinsarg lebt und kein Wort spricht bis zum frisch verwandelten Nick, der sich gerne mit Edward aus Twilight vergleicht, werden alle Klischees bedient. Ein paar blutige und gruselige Szenen gibt es auch und bei allem Spaß auch tatsächlich ernste und herzerwärmende Momente. Und auch wenn die vier Mitbewohner eine Spur von Leichen hinter sich lassen muss man sie einfach liebgewinnen.

Als großer Fan von Vampirfilmen musste ich von der ersten Minute an ständig lachen, bis mir der Bauch wehtat und mir tat es am Schluss fast leid, als das Licht im Saal wieder anging. So etwas sollte man als Serie verfilmen, anstatt  Schrott wie “Berlin Tag und Nacht” zu senden.

10/10 Holzpflöcke