Dinge verschwinden

Ich gebe es offen zu: Meistens verschwinden Dinge in dieser Wohnung durch meine Schuld. Mein  Kurzzeitgedächtnis ist phänomenal löchrig. Wenn ich einen Gegenstand in der Hand halte und abgelenkt werde,  lege ich ihn ab und zwei Sekunden später suche ich verzweifelt danach. Regelmäßig treibe ich meine Familie auf wilden Jagden nach meiner Brille, meinem Schlüssel, meinem Handy durch die Wohnung. Sie nehmen es mit Humor, denn noch ist nie wirklich etwas weggekommen. Es tauchte immer wieder auf.

Bisher.

“Wo ist der Autoschlüssel?” Der Mann ist diesmal wenig verständnisvoll und wer wird es ihm verübeln?  In fünf Minuten muss das Kind bei der Tagesmutter sein und ich bin auf dem Weg zur Arbeit am anderen Ende der Stadt. Mir wird abwechselnd heiß und kalt.  Das ist bereits der Ersatzschlüssel. Der erste verschwand vor einigen Monaten auf unerklärlicher Weise. Beide Male war ich die letzte gewesen, die ihn in der Hand gehalten hatte.

“Kommode oder Schlüsselbrett?”
“Nein.”

Panisch taste ich meine Manteltaschen ab. Leer. Auch im Rucksack ist er nicht. Es bleibt uns nichts anderes übrig, der Mann muss das Kind zu Fuß hastig hin- und mit entsprechendem Vorlauf nachmittags zurückbringen.  Er ist weiterhin nicht gerade begeistert (“beim ersten Schlüssel hab ich noch gelacht”).

Ich dagegen fangen ernsthaft an, an meinem Geisteszustand zu zweifeln. Whatsapp-Nachrichten fliegen hin und her. Schreibtisch, Couchtisch, doch die Kommode? Handtasche? Wo soll er denn sonst sein?  Ist er mir vielleicht aus der Tasche gefallen, als ich das Kind abschnallte?

Das Kind.

Bei beiden Autofahrten, nach denen die Schlüssel verschwanden,  hatte ich das Kind dabei und jeweils kurz im Flur nicht auf es geachtet, während ich meine Jacke und Schuhe auszog.

Das Kind versteckt normalerweise keine Dinge. Aber es hilft gerne. Es trägt mir die Schuhe hinterher, die Einkaufstasche. Es mag auch den Autoschlüssel gerne und hält ihn manchmal für mich fest und darf dann auf den “Zu”-Knopf drücken.

Das Kind ist außerdem gewachsen und kann jetzt mit seinen Patschehändchen auf die Kommode reichen, auf die ich den Schlüssel nach meiner Rückkehr meistens lege.

Anruf: “Frag das Kind. Vielleicht hat das Kind den Schlüssel versteckt.”

Der Vater ist empört, dass ich meine Schusseligkeit jetzt dem armen Kind in die Schuhe schiebe, aber da er genauso verzweifelt ist wie ich,  fragt er, ohne nennenswerte Resultate.

Abends komme ich, vom schlechten Gewissen geplagt,  heim und gehe meinen Weg vom Auto in die Wohnung selbst ab, suche alle benutzten Taschen und Kleidungsstücke durch, alle Oberflächen. Nichts.

Das passionierte Lesen von Detektivromanen hat mich eins gelehrt: “Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist.”

Ich wende mich dem Kind zu. Das Kind sitzt beim Abendessen und stopft Käsebrot in sich hinein.

Ich: “Weißt du wo der Autoschlüssel ist?”
Kind: (Krümel sprühend) “Ja.”
Vater: “Als ob das was zu sagen hat.” (Das Kind antwortet oft mit “ja”.)
Ich: “Wo ist der Autoschlüssel denn? Ist er vielleicht im Schlafzimmer?”
Kind: “Ja.”
Vater: “Suggestivfragen! Das gibt nichts.”

Es müssen härtere Geschütze aufgefahren werden.

Ich: “Wir spielen jetzt ein Spiel. Wer den Autoschlüssel findet, der kriegt Schokolade.”
Kind: “LADE. Lade haben!”
Ich: “Wenn du mir den Schlüssel bringst. Weißt du wo er ist?”
Kind: “Ja. Lade!”
Ich: “Zeig mir wo der Schlüssel ist und ich fahre sofort los und kaufe dir Schokolade. Ich bin dir auch nicht böse. Ehrlich.”
Kind: “Lade!”
Ich: “Mama braucht den Schlüssel, sonst kann sie nicht Schokolade kaufen fahren….”
Das Kind springt auf und rennt vor in den Flur.
Kind, aus dem Flur rufend: “Mode!”
Ich und der Vater schauen uns mitleidig an. Das arme Kind hat den Schlüssel wohl dort als letztes gesehen und hofft nun auf Schokolade. Nur haben wir die Kommode natürlich mehr als gründlich abgesucht, schließlich ist es auch der allererste Ort, an den ich den Mann nach seinem Anruf verwiesen habe. Er hat sie sogar von der Wand gerückt, um dahinter nachzusehen.
Kind: “Mode, Mama, pomm gucken!”

Wir folgen dem Kind. Es steht vor der Kommode. Darauf blitzt etwas Silbernes.

Der Mann bricht in hysterisches Gelächter aus.

Das Kind strahlt. “Lade!”

Obwohl es schon fast Schlafenszeit ist, fahre ich los und kaufe dem Kind einen Schokoladenriegel.  Während es ihn selig verschlingt, eruieren der Mann und ich die Bedeutung der jüngsten Geschehnisse.

1. Unsere geistigen Fähigkeiten nehmen langsam aber sicher ab. Unserer Wahrnehmung ist bald nicht mehr zu trauen. Wir müssen uns wichtige Informationen auf die Oberarme tätowieren und ein Video für das Kind aufnehmen, solange wir uns noch an unsere Namen erinnern.

2. Wir haben einen schlüsselversteckenden und wieder auftauchen lassenden Poltergeist in der Wohnung.

oder

3. Das Kind versteckt, wenn es unbeobachtet ist, Dinge und hat
4. gelernt, wenn es sie versteckt und wiederbringt, gibt es Schokolade.

Freundliche aber bestimmte Befragungen nach dem ersten Schlüssel bleiben fruchtlos, trotz drastischen Erhöhungen der Bestechungssumme. Das Kind schaut uns lieb an – in seiner Welt ist das Ereignis Jahre her und längst vergessen. Fast hätte den Zweitschlüssel dasselbe Schicksal ereilt.  Mein Blick wandert auf das kindhohe Beistelltischchen, wo ich meine Handtasche regelmäßig abstelle. Mit meiner Geldbörse, meinem Handy, meinen USB-Sticks für die Arbeit – mir wird schon wieder abwechselnd heiß und kalt.

Ich weise den Mann an, nach meinem Verlassen der Wohnung am Morgen jetzt nur noch mit offener Tür zu duschen. Meine Handtasche nehme ich ab jetzt überall hin mit, nachts kommt sie unters Kopfkissen. Der Autoschlüssel hänge ich an das Schlüsselbrett an der Wand. Noch kommt das Kind dort nicht heran. Noch.

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