“Aber wenn’s doch nicht schadet”

An dieser Stelle möchte ich auf eine sehr unterstützenswerte Organisation aufmerksam machen, das Informationsnetzwerk Homöopathie. Die dahinterstehenden Menschen klären nicht nur mit Fachkompetenz, sondern auch mit unerschütterlicher Geduld und Empathie über Homöopathie auf. Hier wird nicht von oben herab auf Unwissende eingeredet, sondern versucht zu verstehen, warum Menschen zu diesen Mitteln greifen und warum es so schlimm ist, dass sie in Deutschland von Ärzten und Apotheken gleichermaßen geadelt werden.

Das INH sammelt derzeit auf Twitter Geschichten von Fällen, wo Homöopathie, die ja angeblich so nebenswirkungsfrei, sanft und sicher ist, tatsächlich Menschen geschadet hat. Hier ein sehr dramatischer Fall, der glücklicherweise gut ausging.

Ganz so schlimme Erlebnisse hatte ich bisher nicht, aber eine Begegnung mit der in meinem Fall sehr unsanften “Alternativmedizin” ist mir noch gut im Gedächtnis.

Homöopathie in der Notfallambulanz

Im Sommer 2012 bekam ich an einem sehr heißen Wochenende auf einer Geburtstagsfeier einen kratzigen Hals. Was ich erwartete, war eine aufziehende Erkältung, was ich bekam, waren so schlimme Halsschmerzen, dass ich frühzeitig nach Hause ging und mich hinlegte. Am nächsten Tag war mein Hals so entzündet, dass selbst das Schlucken des eigenen Speichels zu viel war – ich spuckte ihn stattdessen in einen Eimer.

Wegen einer Erkältung gehe ich normalerweise nicht zum Arzt und erst recht nicht ins Krankenhaus (und ihr solltet das bitte auch nicht tun), doch es war Sonntag und die Schmerzen kaum noch auszuhalten. Also bat ich meinen Mann, mich in das nächste Krankenhaus mit Notfalldienst zu fahren. Mit aller Geduld, die ich noch aufbringen konnte, wartete ich, bis ich an der Reihe war.

Die diensthabende Ärztin stellte sich mir vor – und rollte erst einmal eine Ledermappe vor mir aus. Inhalt: eine sorgsam erstellte Sammlung von Glasröhrchen mit Zuckerkugeln.

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CC0 Creative Commons

Verdammt.

Wäre es mir möglich gewesen, hätte ich wohl geschluckt. Hier saß ich, mein Hals stand mehr oder weniger in Flammen, und die Person, die mir doch helfen sollte, hatte in meinen Augen jegliche Vertrauensbasis zwischen Ärztin und Patientin ausradiert.

“Ich, äh, ich möchte keine homöopathischen Mittel”, brachte ich hervor. Sie schaute mich überrascht an. Eine derartige Gegenwehr war sie wohl nicht gewohnt. Die üblichen Argumente kamen, wer heilt hat recht, kann ja nicht schaden, und so weiter. Ich blieb standhaft. “Das mag alles sein, aber ich halte davon nichts und möchte daher damit nicht behandelt werden.” An ihrem Gesichtsausdruck sah ich, dass ich einen schwerwiegenden Fehler gemacht hatte.

Jetzt war ich keine Patientin mehr, die Mitgefühl und Hilfe verdiente, sondern eine Ketzerin, jemand, der ihre Kompetenz ankratzte und sich wohl auch noch anstellte – denn wären meine Schmerzen wirklich so schlimm, würde ich ja wohl alles tun, um sie zu beenden.

Keine Globuli – kein Mitleid

Ab diesem Zeitpunkt behandelte mich die Ärztin schroff und distanziert. Für sie bestand kein Zweifel: ich simulierte. Für eine Angina fehlten Symptome, teilte sie mir mit,  ich hatte kein Fieber, keine geschwollenen Lymphknoten. Ja, stimmte ich zu, gerade deswegen sei ich ja hier. Diese aus dem Nichts kommenden und starken Schmerzen würden mich sehr beunruhigen. “Ich glaube Ihnen. Keine Sorge, Sie bekommen Ihre Antibiotika schon,” blaffte sie – und würde dies noch mehrfach wiederholen. Dass ich nur dann Antibiotika wollte, wenn eine bakterielle Infektion vorlag, erwähnte ich schon gar nicht mehr. Ich wollte nur noch heil hier heraus.

Die Ärztin fragte ich, ob ich Medikamente nähme und ich sagte, bis auf meine Hyposensibilisierung gegen meine Stauballergie, die ich am Freitag erhalten hatte, nichts. Ein Schnauben sollte mir wohl klar machen, wie wenig sie davon hielt. Dort, obwohl ich bisher keinerlei solche Nebenwirkungen erlebt hatte, vermutete sie die Ursache meiner mysteriösen Halsschmerzen.

“Aber bislang ist so etwas doch noch nie passiert.”
“Der menschliche Körper ist kein Auto! Man kann nichts drücken und dann erwarten, dass immer dasselbe passiert!” wurde ich belehrt und auf eine Liege bugsiert. Sie machte sich daran, mir etwas aus einem Beutel intravenös zu verabreichen, Fenistil, ein Antihistaminika.  Ich konnte nur vermuten, dass sie die Halsschmerzen für eine allergische Reaktion hielt, denn eine Erklärung für die Wahl des Mittels bekam ich nicht. Der Schweiß brach mir aus. Seit einem traumatischen Erlebnis als Kind im Krankenhaus machen mir Kanülen Angst.

Ohnehin bereits völlig eingeschüchtert warf ich ein: “Nur eine Warnung: ich bin etwas empfindlich, was Nadeln angeht, daher kann es sein, dass ich mich erschrecke. Nur dass Sie es wissen.” Schweigen. Als die Nadel in meinen Handrücken fuhr, zuckte ich, wie vorhergesehen. “Nun stellen Sie sich doch nicht so an!” war die Reaktion und inzwischen liefen mir  die Tränen über das Gesicht.

Erst nachdem ich bereits an der Kanüle hing, fragte sie mich, ob ich alleine gekommen wäre. Glücklicherweise konnte ich dies noch verneinen, bevor mir von dem Mittel zunehmend schwindlig wurde. Autofahren wäre in diesem Zustand unmöglich gewesen. Als der Beutel leer war, wollte ich diese Praxis nur noch verlassen, nahm ein Rezept in Empfang, ohne es zu lesen und ließ mich benommen von meinem Mann in unseren Wagen führen. Dort wurde ich von dem Fenistil immer erschöpfter, die Schmerzen aber gleichzeitig immer schlimmer und so weinte ich den ganzen Weg nach Hause. Die verschriebenen Paracetamoltabletten halfen kaum – am nächsten Tag erklärte mir mein völlig entsetzter Hausarzt, dass es für diesen Zweck auch die falschen gewesen waren.

Wer mir also erzählen möchte, dass Homöopathinnen und Homöopathen sich ja immerhin Zeit lassen, um ganzheitlich und sanft auf Patienten einzugehen – das tun sie anscheinend nur, wenn sich die Patienten auf das Märchen der allheilenden Globuli einlassen. Ungläubige verdienen keine sanfte Behandlung.

Ihr habt auch so eine Geschichte? Schreibt sie dem Netzwerk:

 

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