Das wird man ja noch sagen dürfen

Es ist 2017 und ein kalter Wind weht durch die Straßen. Deutschland ist eine humorbefreite Zone voller Tugendwächter geworden. Das “Zigeunerschnitzel” auf der Karte vom Landgasthof, wo man seit zwanzig Jahren samstags essen geht, wurde über Nacht weggestrichen, man munkelt, der Gastwirt sei von vermummten Gestalten im Hinterhof zusammengeschlagen worden.  “Schaumküsse” korrigiert die Verkäuferin in der Bäckerei und die Angst in ihrem Gesicht ist deutlich. Schon seit Wochen möchte man ihr sagen, dass sie schöne Augen hat, aber für einen solchen Spruch wurde der Nachbar erst kürzlich verhaftet. Die eigenen Kinder sind erwachsen geworden –  und zu Verrätern. Auf meterhohen Scheiterhaufen verbrennen sie wild lachend die einst so geliebten Bücher von Astrid Lindgren und Karl May im Hinterhof. Karneval ist ein trauriges Fest, nur noch drei  Kinderkostüme sind offiziell von der Regierung erlaubt: Biene, Clown und Katze. Die Mutigen treffen sich im Untergrund, man erzählt sich im Dunklen Herrenwitze, spielt “Cowboy und Indianer” – und trauert.

Menschen, die Kritik an rassistischem und sexistischem Verhalten als “Hyperkorrektheit” empfinden, würden wohl jetzt heftig nicken. Für sie hingen im Sommer diese Wahlplakate in den Städten und nicht wenige haben deswegen dort ihr Kreuz gemacht. Eins ist in der Tat richtig: Es ist nicht mehr so, wie “früher”, was auch immer dieser Zeitraum umfasst. Und ja, Veränderung ist oft schwierig und kann auch erschreckend wirken, gerade wenn es die eigenen, lieb gewordenen Denkmuster betrifft. Nur hat das nichts mit einer plötzlichen Humorbefreiung Deutschlands durch moralinsaure Gutmenschen zu tun.

Verändert hat sich dies: Menschen, die Ziel von rassistischen und sexistischen Witzen sowei klischeeeüberladenden Darstellungen sind, begegnen heute den Witzereißern auf Augenhöhe. Das war nicht immer so:  Schwarze Menschen oder solche mit indigenen Vorfahren waren von 1918 bis noch 2004 lustige Männchen in der Schokoladenwerbung oder in den späten 1960ern die exotischen Wilden der Kinofilme. In den Fünfzigern nahm eine Sekretärin Herrenwitze vom Chef hin und lachte vielleicht sogar mit. Aber nicht, weil sie mehr Humor hatte als heutige Frauen, sondern weil sie darum fürchtete, ihren Job zu verlieren – wenn sie überhaupt ihr eigenes Geld verdienen durfte.

All dies ist heute anders. Frauen sitzen nicht mehr nur im Vorzimmer, sondern mit im Meeting und plötzlich lachen sie über einen anzüglichen Witz nicht mehr, sondern gehen zum Betriebsrat.  Wenn in einer Kindergartengruppe vor ein paar Jahrzehnten “Pippi in Taka-Tuka-Land” vorgelesen wurde, waren diese Kinder in der Mehrheit weiß. Dies ist aber immer weniger der Fall, wie es inzwischen auch die Bildsprache der Bundesregierung zur Geburtenrate in Deutschland wiederspiegelt

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(c) Bundesregierung

Wie verunsichert manche Menschen allein durch diese Veränderungen sind zeigt ein Blick in die Kommentarspalte darunter. Wem dieses Bild Angst macht oder wer sich durch das Wort “Schokokuss” eingeschränkt fühlt, dem schlage ich ein Gedankenspiel vor: Stellt euch vor, es sind die oben abgebildeten Kinder, die euch zuhören, wie ihr aus “Pippi Langstrumpf” die Szene vorlest, wo sich die schwarzen Kinder vor dem weißen Mädchen verbeugen. Schon etwas unangenehm, oder?

Auch im Internet, das es früher nicht gab,  muss man sich heute solchen fiesen Fragen stellen. Hier sind soziale und räumliche Trennungen aufgehoben, begegnen kann man theoretisch Menschen aus allen Kulturkreisen. Teilt man auf Twitter eine Umfrage über vermeintlich lustige Memes und möchte aber eigentlich nur die Menschen befragen, die nicht Ziel davon sind, sehen dies aber auch die anderen. Und beschweren sich.

Dabei geht es selten darum, das geliebte Kostüm oder Buch aus der Kindheit zu dämonisieren. Eigentlich reicht es schon, innezuhalten und zu überlegen, in welchem Kontext es entstand und darüber zu reden. “Damals dachte man, Leute mit weißer Haut seien besser als Leute mit dunkler Haut. Heute wissen wir, dass das Quatsch ist.” Das verstehen schon Vierjährige – sogar besser, als die Erwachsenen. Die BBC stellte im im Sommer 2017 verschiedensten Kindern die Frage, woran sie den Unterschied zwischen sich und ihren Freundinnen und Freunden sehen. Die Hautfarbe spielte für diese Kinder keine Rolle.

Tun wir es doch diesen Kindern gleich. Stufen wir das Festhalten an einer überzogenen, klischeehaften Darstellung, egal ob auf Geschlecht, Hautfarbe oder Kultur bezogen, nicht wichtiger ein, als die Menschen, die darunter leiden. Das ist nicht schwierig, denn es ist teilweise schon gelungen . Als “früher” die italienischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen und plötzlich auch noch bleiben wollten, schlug ihnen nicht nur Freundlichkeit entgegen. 1973 appellierte Frederik Vahle in einem Lied, italienische Kinder nicht als “Spaghettifresser” zu bezeichnen, auch wenn es einem die Eltern vormachten. Es dauerte, aber 2004 war der Begriff nicht mehr salonfähig, wie Karl Moik zu seinem Erstaunen feststellen mussten. Warum denn auch? Der Antonio lebt doch jetzt  vierzig Jahre in der Siedlung, inzwischen gehen schon seine Kinder hier zur Schule und man trifft sich jede Woche zum Kegeln. Das würde ihm doch wehtun. Das macht man nicht.

 

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