THE FLORIDA PROJECT (10/10)

These are the rooms we’re not supposed to go in… But let’s go anyways!

Aus der Perspektive von Kindern zu drehen ist schwierig und gelingt daher nicht oft, ohne sich in Klischees zu ergehen. Mit THE FLORIDA PROJECT, der leider jetzt erst in den deutschen Kinos kam, ist Sean Baker dieses Kunststück gelungen. Einen Sommer lang begleiten wir die sechsjährige Moonee. Sie lebt mit ihrer Mutter Halley in einem billigen Motel in Sichtweite der Glitzerwelt von Disneyland als Dauergast, deren Zauber sie nur aus der Ferne bewundern kann. Halley ist zwar eine liebevolle aber unreife Mutter, die es nicht schafft, ein verantwortungsvolles Leben aufzubauen und Moonee eine unbeschwerte Kindheit zu bieten. So füllt Moonee diese Lücke selbst, größtenteils auf sich allein gestellt. Auf den Streifzügen mit ihren Freunden entdecken wir mit ihr eine Welt von Parkplätzen, Touristenfallen, Grünstreifen und Motelrezeptionen unter der brennenden Sommersonne Floridas. Und es wird bald klar, dass ihr selbstgebautes magisches Königreich nicht von ewiger Dauer sein kann.

Ich kannte Sean Baker Regisseur vorher nicht, möchte aber jetzt dringend alles andere von ihm auch anschauen, denn THE FLORIDA PROJECT hat genau das, was ein Film für mich braucht, um perfekt zu funktionieren: Fokus auf glaubhafte Charaktere mit vor allem leisen Töne ohne viel Brimborium, der einfach zeigt, ohne alles durchzuerklären und ein Blick in eine Welt, die ansonsten im Verborgenen bleibt. Ein Film, den ich unbedingt noch einmal von vorne sehen möchte, um all die detailliert ausgebauten Szenen und die schöne Dynamik zwischen den großen und kleinen Schauspielerinnen und Schauspielern zu bewundern. Neben den bemerkenswerten Neuentdeckungen BROOKLYNN PRINCA  und BRIA VINAITE  glänzt WILLEM DAFOE mal ganz unprätentiös als Manager Bobby, eine Art inoffizieller Sozialarbeiter, der die Gemeinschaft der im Motel Gestrandeten zusammenhält und der immer wieder für sehr berührende und manchmal herrlich absurde Momente sorgt.

10/10 Eiscremehörnchen

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THE SHAPE OF WATER / RED SPARROW / THE REVENANT

Wenn ich schon mal aktuelle oder relevante Filme sehe, sollte ich darüber bloggen. Und wenn es drei hintereinander waren, dann erst recht!

SHAPE OF WATER (2017)

He’s a wild creature. We can’t ask him to be anything else.

Der Grund warum ich es besser finde, hier wenig zu schreiben: ich wusste leider zu viel. Und so baute ich Erwartungen an den Film auf, die er einfach nicht erfüllen konnte. Ich ging schon völlig vorbegeistert hinein und verließ den Kinosaal mit einem vagen Gefühl “das war alles?” und selbst dies verpuffte so schnell, dass ich vergaß, noch am selben Abend eine Rezension zu schreiben. Ich befürchte dass jetzt, wo er frisch oskarprämiert ist, die Erwartungen sogar noch steigen. Mich hat er einfach nicht gepackt, ich kam mir ständig vor wie das Publikum in einer Sitcom, vor dem Schilder zum Lachen und Weinen hochgehalten werden. Aber ich kenne durchaus viele Menschen, die der Film sehr glücklich machte – vielleicht gehört ihr ja dazu. Allen anderen empfehle ich stattdessen das Videospiel Mass Effect 2 und die Quest des Charakters Thane Krios zu spielen.  In jedem Fall habe ich mich aber über das Wiedersehen mit Doug Jones, der mich erst kürzlich in STAR TREK: DISCOVERY begeisterte und Sally Hawkins, die ich in PADDINGTON auch schon sehr mochte, gefreut.

5/10 gekochten Eiern

RED SPARROW (2018)

The Cold War did not end, it merely shattered into a thousand pieces.

Hier das komplette Gegenteil: über diesen Film wusste ich rein gar nichts außer dem Titel und dass Jennifer Lawrence die Hauptrolle spielt. So musste ich mich aktiv in den Plot hineindenken und konnte mich etwa ein Viertel der Spiellänge nicht entscheiden, ob ich den Film jetzt gut oder schlecht fand. Nicht geholfen hat dabei der schwere russische Dialekt, in dem alle miteinander redeten. Ey, mal im Ernst jetzt, Hollywood – was soll das? Dreh doch entweder mit russischsprechenden Schauspieler*innen und untertitle oder tu halt so als ob, wie immer und lass sie alle Englisch reden. Aber bei so Sätzen wie “Yur bahdy belahngs to ze steht!” hatte ich echte Schwierigkeiten, ernst zu bleiben.

Doch irgendwann war ich drin im Geflecht der Intrigen und sehr gut unterhalten, insbesondere das Ende gefiel mir sehr. Für diejenigen, die den Roman kennen, auf dem der Film basiert: es wurde geändert und ist, wie ich finde, besser und stärker. Und es gibt Fortsetzungen. Anscheinend gehen auf Büchern basiert Actionfilme mit Jennifer Lawrence und einem Vogelnamen im Titel ganz gut derzeit.

7/10 Floppydisks

THE REVENANT (2015)

Ein Film, den ich schon sehr lange sehen wollte. Letzten Sonntag wurde er zur Einstimmung für die Oskarnacht von Pro7 zur Primetime gesendet, oder besser gesagt: verhackstückt. Sie haben es wirklich geschafft, fast alle 20 Minuten Werbung einzublenden und das in teils sehr stillen oder spannenden Momenten. Ich hatte wegen den überragenden Landschaftsaufnahmen (bis auf eine Szene mit natürlichem Licht gedreht!) kurz bedauert, doch nur per Stream zuzuschauen, aber spätestens beim zweiten fröhlichen “Bitte ein Bit!” mit dem ich aus dem Überlebenskampf im eisigen Wald gerissen wurde, verflog das. Wenn ich nicht mit #twilm livegeweetet hätte, ich wäre nach einer Stunde ausgestiegen und hätte ihn mir auf Amazon in HD gekauft. Anders als bei THE SHAPE OF WATER finde ich hier den Hype und vor allem Leonardo DiCaprios Oskar mehr als verdient. THE REVENANT ist nichts für schwache Gemüter, doch zwischen den fiesen Szenen immer wieder von wirklicher Schönheit –  und  er zeigt, das in einem Film  gar nicht so unbedingt viel passieren und explodieren muss, damit er fesselt.

9/10 Büffellebern

#equalcareday

“Equal Care Day” – ein Tag, der eigentlich nur alle vier Jahre am 29. Februar stattfindet. Worum geht es und warum fällt er ausgerechnet auf dieses Datum?

Ein Blick ins Wörterbuch verrät, dass “care” mit “Schutz, Pflege, Betreuung, Obhut, Wartung, Versorgung” übersetzt wird.  “Care-Arbeit” umfasst Felder wie Alten- und Kinderpflege, Lehrberufe und die Sozialarbeit, aber auch all das, was im Alltagsleben zu Hause anfällt.  Nachgewiesen wird dies in  Deutschland immer noch größtenteils von Frauen erledigt. Das mussten auch Iniatorin  Almut Schnerring und Iniator Sascha Verlan bei bei ihrer Recherche zu dem Buch “Die Rosa-Hellblau-Falle” feststellen.

Den Großteil dieser Arbeit übernehmen Frauen, mit 80% also 4x so viel wie Männer. Deshalb wird der Equal Care Day nur alle 4 Jahre, im Schaltjahr am 29.2. begangen.

Eine genaue Aufschlüsselung dieser Prozentzahl findet ihr hier.

Dieses Ungleichgewicht hat in Partnerschaft und Familie oft Überlastung und Streit zur Folge. Und Care-Berufe werden oft schlecht bezahlt und gesellschaftlich kaum anerkannt. Somit ist das Thema “Equal Care” eng verknüpft mit der “Gender Pay Gap”. Mehr darüber nachzulesen gibt es beim Netzwerk “Care Revolution“.

Mein Herzensthema ist die faire Aufteilung von Haushaltsarbeit in der Familie. Ich bin daher sehr froh, dass Almut mir die Möglichkeit gab, dies in einem kurzen Interview zur Sprache zu bringen, das im Zuge mit der Briefaktion des  heutigen “Equal Care Day” stattfand. Es wird heute im Format frauTV im WDR ausgestrahlt.

“Equal Care” zu Hause – dreimal “Aber”

Wann immer ich dieses Ungleichgewicht thematisiere, sei es in persönlichen Gesprächen oder Onlinediskussionen, ruft es häufig diese drei Reaktionen hervor.

  1. “Aber ich bin gern Hausfrau und Mutter”

    Das ist schön – und das meine ich völlig ernst. Ich freue mich ehrlich für jede einzelne Person, die sich in ihrer selbst gewählten Rolle ausgefüllt und zufrieden fühlt. Was ich mir hier wünschen würde, wäre Solidarität statt Abgrenzung. Ich komme mir sonst so vor, als würde ich mit offener Motorhaube am Straßenrand stehen und es hält jemand an, nur um mir zuzurufen: “Aber bei mir ist alles in Ordnung!”
    Zudem es bei Equal Care ja auch darum geht, dass Frauen (und auch Männer) derzeit mit hohen finanziellen Einbußen abgestraft werden, wenn sie sich dazu entscheiden, Vollzeit zu Hause zu bleiben. Vor allem im Alter: EU-weit sind viel mehr Frauen als Männer von Altersarmut betroffen. Das Problem geht also tatsächlich jeden etwas an, allerspätestens dann, wenn wir im Alter selbst Pflege in Anspruch nehmen müssen.

  2. “Aber bei uns ist das ganz gerecht aufgeteilt”

    Auch ich habe einmal so gedacht und gesprochen – bis zum ersten Kind. Das, wie ich inzwischen weiß, bereits vorher bestehende Ungleichgewicht kippte nach der Geburt immer mehr.  Soziologisch ist das erforscht, es nennt sich  “Retraditionalisierungseffekt” (wobei interessanterweise die Frauen und Männern zugeschriebenen Rollen gar nicht so fest in Traditionen verankert ist, wie immer angenommen).
    Es kann also sein, dass es gerade nur deswegen gut läuft, weil die Belastung des einen Partners noch keinen kritischen Punkt erreicht hat. Es kann natürlich genauso gut sein, dass in der Partnerschaft wirklich alles ausgeglichen verteilt ist. Glückwunsch, bitte bei Punkt 1 weiterlesen.

  3. “Aber ich helfe doch so viel”

    Bei uns musste das Kernproblem erst identifiziert werden. Dies war nämlich nicht, wer jetzt wann den Müll wegbringt und einkauft, sondern vor allem das, was leider noch keinen deutschen Begriff hat, die “Mental Load”, die ewig tickende Checkliste, was zu tun ist und wer es zu tun hat. Das erste Mal stieß ich darauf, als ich diesen Comic einer französischen Künstlerin namens Emma im Netz fand und endlich beschreiben konnte, was mich belastet.
    Die Essenz: “Sag mir, wenn du Hilfe brauchst” ist ehrlich hilfreich und unterstützend gemeint, aber eigentlich ist es auch eine Auslagerung von Verantwortung. Das mussten wir beide lernen. Denn am Schluss zählt nicht, wer jetzt mit dem Kind neue Gummistiefel einkaufen geht oder die Papiertonne rausstellt, sondern dass beide daran gedacht haben, dass es fällig ist.

 

Und was jetzt?

Über das Problem zu sprechen, es zu benennen, ist nur der allererste Schritt. Nach der Bereitschaft, etwas zu ändern da ist, werde ich inzwischen häufiger gefragt, welche Lösungen wir für uns gefunden haben. Diese Liste ist natürlich nicht vollständig und muss an die individuelle Situation angepasst werden. Aber vielleicht kann sie als Anhaltspunkt dienen, um einen eigenen Weg zu finden.

  1. Sichtbar machen

    Meistens hat gerade der nicht überlastete Partner ein sehr verzerrte Wahrnehmung von dem, was erledigt werden muss und was er (oder sie) wirklich davon übernimmt. Hier helfen nur harte, kalte Zahlen.Wir benutzten dazu eine Liste, die ich bei dasnuf.de gefunden hatte. Aus der machten wir eine Excel-Tabelle, bei der wir an jedem Punkt folgende Werte vergaben: “selten”, “häufig”, “immer” sowie farbige Markierungen für “selbstständig” und “auf Aufforderung”. Das Ergebnis war sehr eindeutig und ziemlich ernüchternd für meinen Mann.

  2. Ökonömische Lösungen statt Schuldzuweisungen

    Häufige fällt bei der Verteilung von Haushaltspflichten ein Satz wie  “aber ich sehe das nicht” oder “da denke ich nicht daran.” Anstatt mit Vorwürfen oder Ärger zu kontern, begegnet diesen Bedenken lösungsorientert – von beiden Seiten. Dabei kann es helfen, sich mental in ein anderes Umfeld zu versetzen. Im Job ist die Reaktion auf ein herausforderndes Problem ja auch nicht “das kann ich nicht” und Aufgeben, wenn man Wert darauf legt, ihn zu behalten.

    Die “Mental Load” müssen ab jetzt beide gemeinsam tragen, damit es bei einem plötzlichen Ausfall immer ein Backup gibt. Die tatsächliche Ausführung der Pflichten wird fair nach Zeitressourcen geteilt –  auch nach Stärken und Schwächen. Zur Post geht, wer bis zur Öffnungszeit an einer vorbekommt. Aber wer sich bis zum Erbrechen davor ekelt, sollte nicht gezwungen werden, die Abflüsse zu reinigen. Kinderarztbesuche nimmt die Person wahr, die tagsüber einfacher Termine machen kann. Aber im Notfall wissen beide, wo Impfpass und Versicherungskarte liegen. All das wird in einem Fahrplan festgehalten.

  3. Sprache anpassen

    Schon kleine Änderungen machen einen großen Unterschied. Das Streichen eines einzelnen Wortes hatte bei uns bereits eine durchschlagende Wirkung. Niemand “hilft” hier mehr beim Abwasch oder bei der Kinderpflege – der Haushalt ist ein gemeinsamer Bereich, den wir als Team angehen. Man darf sich auch gerne darauf aufmerksam machen, wenn eine Person das H-Wort trotzdem benutzt.

  4. Hilfsmittel suchen

    Dies heißt natürlich nicht, dass Hilfe ab jetzt tabu ist. Eingefahrene Muster durchbrechen sich nicht von alleine. Glücklicherweise leben wir in einem Zeitalter, bei dem es für fast alle Probleme eine passende App gibt. Manchmal hat man sie sogar schon, ohne es zu wissen: Android-User können Google Calendar miteinander verknüpfen und Termine miteinander teilen und Push-Notifications einstellen – so viele, wie eben nötig sind, damit nichts vergessen wird. Alternativen sind Looping und Cozy.

    Darüber hinaus gibt es kostenlose Projektmanagementtools wie Trello, bei denen auf einem virtuellen Pinboard Aufgaben und Checklisten einander zugewiesen werden können. Nicht selbst getestet aber nur Gutes gehört habe ich von der App Out of Milk, die neben Einkaufslisten und Vorratslisten auch To-Do-Listen anlegen kann. Aber auch analoge Hilfsmittel sind reichlich verfügbar – Familienkalender mit verschiedenen Spalten, Klebezettel, eine große gemeinsame Pinnwand – es hängt alles von den eigenen Vorlieben und Denkstrukturen ab.

  5. Team sein und bleiben

    Der vielleicht wichtigste Punkt: Nicht vergessen, dass all diese Arbeit ja ein gemeinsames Ziel hat, nämlich die Belastung aus der Partnerschaft zu nehmen und zukünftig wieder andere Dinge in den Mittelpunkt stellen zu können, als den Haushalt. Schließlich lebt man ja vor allem deswegen zusammen unter einem Dach,  weil man sich liebt und schätzt und möchte, dass es allen gut geht.

 

Das wird man ja noch sagen dürfen

Es ist 2017 und ein kalter Wind weht durch die Straßen. Deutschland ist eine humorbefreite Zone voller Tugendwächter geworden. Das “Zigeunerschnitzel” auf der Karte vom Landgasthof, wo man seit zwanzig Jahren samstags essen geht, wurde über Nacht weggestrichen, man munkelt, der Gastwirt sei von vermummten Gestalten im Hinterhof zusammengeschlagen worden.  “Schaumküsse” korrigiert die Verkäuferin in der Bäckerei und die Angst in ihrem Gesicht ist deutlich. Schon seit Wochen möchte man ihr sagen, dass sie schöne Augen hat, aber für einen solchen Spruch wurde der Nachbar erst kürzlich verhaftet. Die eigenen Kinder sind erwachsen geworden –  und zu Verrätern. Auf meterhohen Scheiterhaufen verbrennen sie wild lachend die einst so geliebten Bücher von Astrid Lindgren und Karl May im Hinterhof. Karneval ist ein trauriges Fest, nur noch drei  Kinderkostüme sind offiziell von der Regierung erlaubt: Biene, Clown und Katze. Die Mutigen treffen sich im Untergrund, man erzählt sich im Dunklen Herrenwitze, spielt “Cowboy und Indianer” – und trauert.

Menschen, die Kritik an rassistischem und sexistischem Verhalten als “Hyperkorrektheit” empfinden, würden wohl jetzt heftig nicken. Für sie hingen im Sommer diese Wahlplakate in den Städten und nicht wenige haben deswegen dort ihr Kreuz gemacht. Eins ist in der Tat richtig: Es ist nicht mehr so, wie “früher”, was auch immer dieser Zeitraum umfasst. Und ja, Veränderung ist oft schwierig und kann auch erschreckend wirken, gerade wenn es die eigenen, lieb gewordenen Denkmuster betrifft. Nur hat das nichts mit einer plötzlichen Humorbefreiung Deutschlands durch moralinsaure Gutmenschen zu tun.

Verändert hat sich dies: Menschen, die Ziel von rassistischen und sexistischen Witzen sowei klischeeeüberladenden Darstellungen sind, begegnen heute den Witzereißern auf Augenhöhe. Das war nicht immer so:  Schwarze Menschen oder solche mit indigenen Vorfahren waren von 1918 bis noch 2004 lustige Männchen in der Schokoladenwerbung oder in den späten 1960ern die exotischen Wilden der Kinofilme. In den Fünfzigern nahm eine Sekretärin Herrenwitze vom Chef hin und lachte vielleicht sogar mit. Aber nicht, weil sie mehr Humor hatte als heutige Frauen, sondern weil sie darum fürchtete, ihren Job zu verlieren – wenn sie überhaupt ihr eigenes Geld verdienen durfte.

All dies ist heute anders. Frauen sitzen nicht mehr nur im Vorzimmer, sondern mit im Meeting und plötzlich lachen sie über einen anzüglichen Witz nicht mehr, sondern gehen zum Betriebsrat.  Wenn in einer Kindergartengruppe vor ein paar Jahrzehnten “Pippi in Taka-Tuka-Land” vorgelesen wurde, waren diese Kinder in der Mehrheit weiß. Dies ist aber immer weniger der Fall, wie es inzwischen auch die Bildsprache der Bundesregierung zur Geburtenrate in Deutschland wiederspiegelt

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(c) Bundesregierung

Wie verunsichert manche Menschen allein durch diese Veränderungen sind zeigt ein Blick in die Kommentarspalte darunter. Wem dieses Bild Angst macht oder wer sich durch das Wort “Schokokuss” eingeschränkt fühlt, dem schlage ich ein Gedankenspiel vor: Stellt euch vor, es sind die oben abgebildeten Kinder, die euch zuhören, wie ihr aus “Pippi Langstrumpf” die Szene vorlest, wo sich die schwarzen Kinder vor dem weißen Mädchen verbeugen. Schon etwas unangenehm, oder?

Auch im Internet, das es früher nicht gab,  muss man sich heute solchen fiesen Fragen stellen. Hier sind soziale und räumliche Trennungen aufgehoben, begegnen kann man theoretisch Menschen aus allen Kulturkreisen. Teilt man auf Twitter eine Umfrage über vermeintlich lustige Memes und möchte aber eigentlich nur die Menschen befragen, die nicht Ziel davon sind, sehen dies aber auch die anderen. Und beschweren sich.

Dabei geht es selten darum, das geliebte Kostüm oder Buch aus der Kindheit zu dämonisieren. Eigentlich reicht es schon, innezuhalten und zu überlegen, in welchem Kontext es entstand und darüber zu reden. “Damals dachte man, Leute mit weißer Haut seien besser als Leute mit dunkler Haut. Heute wissen wir, dass das Quatsch ist.” Das verstehen schon Vierjährige – sogar besser, als die Erwachsenen. Die BBC stellte im im Sommer 2017 verschiedensten Kindern die Frage, woran sie den Unterschied zwischen sich und ihren Freundinnen und Freunden sehen. Die Hautfarbe spielte für diese Kinder keine Rolle.

Tun wir es doch diesen Kindern gleich. Stufen wir das Festhalten an einer überzogenen, klischeehaften Darstellung, egal ob auf Geschlecht, Hautfarbe oder Kultur bezogen, nicht wichtiger ein, als die Menschen, die darunter leiden. Das ist nicht schwierig, denn es ist teilweise schon gelungen . Als “früher” die italienischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen und plötzlich auch noch bleiben wollten, schlug ihnen nicht nur Freundlichkeit entgegen. 1973 appellierte Frederik Vahle in einem Lied, italienische Kinder nicht als “Spaghettifresser” zu bezeichnen, auch wenn es einem die Eltern vormachten. Es dauerte, aber 2004 war der Begriff nicht mehr salonfähig, wie Karl Moik zu seinem Erstaunen feststellen mussten. Warum denn auch? Der Antonio lebt doch jetzt  vierzig Jahre in der Siedlung, inzwischen gehen schon seine Kinder hier zur Schule und man trifft sich jede Woche zum Kegeln. Das würde ihm doch wehtun. Das macht man nicht.

 

Ponies, Metaphern, Replikanten

Diese Woche war ich nicht in einem, nicht in zweien, sondern in gleich drei aktuellen Filmen, ein höchst seltenes Ereignis der letzten Jahre. Dreimal Kino, drei höchst unterschiedliche Filme – hier meine Kurzrezensionen.

MY LITTLE PONY (9/10)

Die Punktevergabe ist ein wenig voreingenommen, denn es war der erste Kinobesuch zu dritt und somit der erste Kinofilm für das Kind und daher ein ganz besonderes Ereignis – eine dicke rosarote Brille muss also eingerechnet werden. (Mein erster Kinofilm war übrigens dieser hier). Dennoch haben sich auch die drei anwesenden Erwachsenen sehr gut unterhalten. Von einem Franchise mit so viel Merchandisedurchlauf erwartet man meistens nicht viel, seichte Zusatzbeschallung, die Käufe anregen sollen. Das ist bei MY LITTLE PONY absolut nicht der Fall, weder in der Serie, noch im ersten Kinofilm. Die Geschichte ist spannend, die Charaktere haben alle Tiefe, selbst die Lieder sind nicht besonders nervig (dass ich in diesem Leben einen Villain-Song von Maite Kelly hören würde, hätte ich auch nicht gedacht). Vor allem stimmen die Botschaften:  Haltet zusammen, verurteilt nicht nach Aussehen, es ist okay, wenn ihr auch mal Fehler macht. Zudem gibt es für Erwachsene fast in jeder Szene irgendeine popkulturelle Referenz oder Situationskomik, es ist also keineswegs langweilig.

MOTHER! (6/10)

Ich habe ihm genau die Mittelpunktzahl plus Bonus für Jennifer Lawrence wirklich gute Schauspielleistung gegeben, weil ich ihn einfach nicht so richtig einsortieren kann. Ich glaube, hier hätte der Film mir ausnahmsweise besser gefallen, hätte ich gewusst, worum es geht. So musste ich es erst herausfinden, und der Weg dahin ist nicht unbedingt sehr unterhaltsam und oft zäh. Wenn ihr lieber wissen wollt, was ihr da auf der Leinwand seht: lest durch, was die Bedeutung ist, der Regisseur hat es bereits dargelegt. Vieles passt für mich trotzdem nicht, ein weiterer Grund für die mittelmäßige Bewertung. Die Frage bleibt: Muss man das so machen? Ich weiß es nicht. Gut gespielt  und inszeniert ist er ohne Zweifel, aber wie alle abstrakte Kunst ist es eben auch Geschmackssache. Ich kann seine künstlerische Qualität anerkennen, nochmal sehen und alles entschlüsseln möchte ich ihn aber nicht.

BLADE RUNNER 2049 (10/10)


Es muss für einen Film sprechen, wenn man ihn in einem Saal mit über hundert lärmenden Teenagern gesehen hat und ihn trotzdem gut findet. (An dieser Stelle: Liebe Lehrer, was sollte das? Die Schüler*innen waren offensichtlich gelangweilt, müde und überfordert, was ich ihnen auch nicht ankreide. Ich verstehe nicht, warum man sie dann mitten in der Woche um 21 Uhr in ein Programmkino zu einem solchen Film schleift, ohne eine Sondervorstellung abzumachen.) Eine sinnvolle Fortführung, die visuell und auch durch ihre Musik direkt Eindruck schafft, diesen durch einen guten Plot und hervorragende Darsteller auch halten kann. Der Film vermeidet nicht nur Klischees eines Sequels nach so langer Zeit, er spielt auch gekonnt mit ihnen. Sehenswert, und ich würde auch behaupten, wer den ersten Film nicht kennt, ist hier gut unterhalten.

“Aber wenn’s doch nicht schadet”

An dieser Stelle möchte ich auf eine sehr unterstützenswerte Organisation aufmerksam machen, das Informationsnetzwerk Homöopathie. Die dahinterstehenden Menschen klären nicht nur mit Fachkompetenz, sondern auch mit unerschütterlicher Geduld und Empathie über Homöopathie auf. Hier wird nicht von oben herab auf Unwissende eingeredet, sondern versucht zu verstehen, warum Menschen zu diesen Mitteln greifen und warum es so schlimm ist, dass sie in Deutschland von Ärzten und Apotheken gleichermaßen geadelt werden.

Das INH sammelt derzeit auf Twitter Geschichten von Fällen, wo Homöopathie, die ja angeblich so nebenswirkungsfrei, sanft und sicher ist, tatsächlich Menschen geschadet hat. Hier ein sehr dramatischer Fall, der glücklicherweise gut ausging.

Ganz so schlimme Erlebnisse hatte ich bisher nicht, aber eine Begegnung mit der in meinem Fall sehr unsanften “Alternativmedizin” ist mir noch gut im Gedächtnis.

Homöopathie in der Notfallambulanz

Im Sommer 2012 bekam ich an einem sehr heißen Wochenende auf einer Geburtstagsfeier einen kratzigen Hals. Was ich erwartete, war eine aufziehende Erkältung, was ich bekam, waren so schlimme Halsschmerzen, dass ich frühzeitig nach Hause ging und mich hinlegte. Am nächsten Tag war mein Hals so entzündet, dass selbst das Schlucken des eigenen Speichels zu viel war – ich spuckte ihn stattdessen in einen Eimer.

Wegen einer Erkältung gehe ich normalerweise nicht zum Arzt und erst recht nicht ins Krankenhaus (und ihr solltet das bitte auch nicht tun), doch es war Sonntag und die Schmerzen kaum noch auszuhalten. Also bat ich meinen Mann, mich in das nächste Krankenhaus mit Notfalldienst zu fahren. Mit aller Geduld, die ich noch aufbringen konnte, wartete ich, bis ich an der Reihe war.

Die diensthabende Ärztin stellte sich mir vor – und rollte erst einmal eine Ledermappe vor mir aus. Inhalt: eine sorgsam erstellte Sammlung von Glasröhrchen mit Zuckerkugeln.

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CC0 Creative Commons

Verdammt.

Wäre es mir möglich gewesen, hätte ich wohl geschluckt. Hier saß ich, mein Hals stand mehr oder weniger in Flammen, und die Person, die mir doch helfen sollte, hatte in meinen Augen jegliche Vertrauensbasis zwischen Ärztin und Patientin ausradiert.

“Ich, äh, ich möchte keine homöopathischen Mittel”, brachte ich hervor. Sie schaute mich überrascht an. Eine derartige Gegenwehr war sie wohl nicht gewohnt. Die üblichen Argumente kamen, wer heilt hat recht, kann ja nicht schaden, und so weiter. Ich blieb standhaft. “Das mag alles sein, aber ich halte davon nichts und möchte daher damit nicht behandelt werden.” An ihrem Gesichtsausdruck sah ich, dass ich einen schwerwiegenden Fehler gemacht hatte.

Jetzt war ich keine Patientin mehr, die Mitgefühl und Hilfe verdiente, sondern eine Ketzerin, jemand, der ihre Kompetenz ankratzte und sich wohl auch noch anstellte – denn wären meine Schmerzen wirklich so schlimm, würde ich ja wohl alles tun, um sie zu beenden.

Keine Globuli – kein Mitleid

Ab diesem Zeitpunkt behandelte mich die Ärztin schroff und distanziert. Für sie bestand kein Zweifel: ich simulierte. Für eine Angina fehlten Symptome, teilte sie mir mit,  ich hatte kein Fieber, keine geschwollenen Lymphknoten. Ja, stimmte ich zu, gerade deswegen sei ich ja hier. Diese aus dem Nichts kommenden und starken Schmerzen würden mich sehr beunruhigen. “Ich glaube Ihnen. Keine Sorge, Sie bekommen Ihre Antibiotika schon,” blaffte sie – und würde dies noch mehrfach wiederholen. Dass ich nur dann Antibiotika wollte, wenn eine bakterielle Infektion vorlag, erwähnte ich schon gar nicht mehr. Ich wollte nur noch heil hier heraus.

Die Ärztin fragte ich, ob ich Medikamente nähme und ich sagte, bis auf meine Hyposensibilisierung gegen meine Stauballergie, die ich am Freitag erhalten hatte, nichts. Ein Schnauben sollte mir wohl klar machen, wie wenig sie davon hielt. Dort, obwohl ich bisher keinerlei solche Nebenwirkungen erlebt hatte, vermutete sie die Ursache meiner mysteriösen Halsschmerzen.

“Aber bislang ist so etwas doch noch nie passiert.”
“Der menschliche Körper ist kein Auto! Man kann nichts drücken und dann erwarten, dass immer dasselbe passiert!” wurde ich belehrt und auf eine Liege bugsiert. Sie machte sich daran, mir etwas aus einem Beutel intravenös zu verabreichen, Fenistil, ein Antihistaminika.  Ich konnte nur vermuten, dass sie die Halsschmerzen für eine allergische Reaktion hielt, denn eine Erklärung für die Wahl des Mittels bekam ich nicht. Der Schweiß brach mir aus. Seit einem traumatischen Erlebnis als Kind im Krankenhaus machen mir Kanülen Angst.

Ohnehin bereits völlig eingeschüchtert warf ich ein: “Nur eine Warnung: ich bin etwas empfindlich, was Nadeln angeht, daher kann es sein, dass ich mich erschrecke. Nur dass Sie es wissen.” Schweigen. Als die Nadel in meinen Handrücken fuhr, zuckte ich, wie vorhergesehen. “Nun stellen Sie sich doch nicht so an!” war die Reaktion und inzwischen liefen mir  die Tränen über das Gesicht.

Erst nachdem ich bereits an der Kanüle hing, fragte sie mich, ob ich alleine gekommen wäre. Glücklicherweise konnte ich dies noch verneinen, bevor mir von dem Mittel zunehmend schwindlig wurde. Autofahren wäre in diesem Zustand unmöglich gewesen. Als der Beutel leer war, wollte ich diese Praxis nur noch verlassen, nahm ein Rezept in Empfang, ohne es zu lesen und ließ mich benommen von meinem Mann in unseren Wagen führen. Dort wurde ich von dem Fenistil immer erschöpfter, die Schmerzen aber gleichzeitig immer schlimmer und so weinte ich den ganzen Weg nach Hause. Die verschriebenen Paracetamoltabletten halfen kaum – am nächsten Tag erklärte mir mein völlig entsetzter Hausarzt, dass es für diesen Zweck auch die falschen gewesen waren.

Wer mir also erzählen möchte, dass Homöopathinnen und Homöopathen sich ja immerhin Zeit lassen, um ganzheitlich und sanft auf Patienten einzugehen – das tun sie anscheinend nur, wenn sich die Patienten auf das Märchen der allheilenden Globuli einlassen. Ungläubige verdienen keine sanfte Behandlung.

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Fantasy Filmfest 2017: I REMEMBER YOU & Fazit


Mein letzter Film des diesjährigen Fantasy Filmfest und gleichzeitig mein zweites Highlight ist die Verfilmung eines Krimis mit Geisterlementen aus Island. Ein Film, über den ich einmal wieder eigentlich nicht viel schreiben möchte, da man ihn am besten unvoreingenommen sehen sollte.

Wie auch das Buch läuft der Film über zwei Handlungsstränge. Einmal forscht der Arzt Freyr (Jóhannes Haukur Jóhannesson) mysteriösen Todesfällen nach, bei denen die Toten seltsame Wunden in Kreuzform auf dem Rücken davontragen. Dann verbringt Katrin (Anna Gunndís Guðmundsdóttir), die mit ihrem Mann und einer Freundin ein Bed & Breakfast in einer verlassenen Fjordsiedlung eröffnen möchten, dort immer gruseliger werdende Nächte. Beide tragen ihre Sorgen mit sich herum – das nie aufgelöste Verschwinden von Freyrs Sohn hängt ihm immer noch nach. Auch Katrin hat ein Kind verloren und versucht zudem, ihre bröckelnde Beziehung zu kitten.

I REMEMBER YOU lebt von seinen Charakteren, deren Geschichten man unbedingt erfahren möchte. Durch die geschickt wechselnden Perspektiven der zwei Hauptcharaktere bleibt die Spannung erhalten. Dazu kommt noch das kalte und unheimliche Setting des verlassenen Hesteyrarfjörður – hier hätte der Film gar nicht so mit Blaueffekten und düsterer Musik auffahren müssen, wie er es oft getan hat, sondern sich einfach auf das, was sowieso schon da war, verlassen können. Das ist auch der einzige Grund für meinen Abzug für diesen ansonsten perfekt inszenierten Horrorthriller, dessen Grauen sich erst langsam beim Zuschauen entwickelt und den man mit neugewonnenem Wissen eigentlich sofort nach dem Abspann noch einmal schauen will. Ich habe mir gleich danach das Buch bestellt, auf dem der Film basiert (Affiliatelink).

9/10 Polarfüchsen

Das war das Fantasy Filmfest 2017 für mich

Gesehene Filme: 12

Durchschnittspunktzahl: 6,75

Am meisten gegruselt bei: IT

Am meisten gegähnt bei: THE VAULT

Am meisten gelacht bei: MY FRIEND DAHMER

Zufälliges Oberthema: Coming of Age und verschwundene Kinder

Alle Rezensionen finden sich hier.