#equalcareday

“Equal Care Day” – ein Tag, der eigentlich nur alle vier Jahre am 29. Februar stattfindet. Worum geht es und warum fällt er ausgerechnet auf dieses Datum?

Ein Blick ins Wörterbuch verrät, dass “care” mit “Schutz, Pflege, Betreuung, Obhut, Wartung, Versorgung” übersetzt wird.  “Care-Arbeit” umfasst Felder wie Alten- und Kinderpflege, Lehrberufe und die Sozialarbeit, aber auch all das, was im Alltagsleben zu Hause anfällt.  Nachgewiesen wird dies in  Deutschland immer noch größtenteils von Frauen erledigt. Das mussten auch Iniatorin  Almut Schnerring und Iniator Sascha Verlan bei bei ihrer Recherche zu dem Buch “Die Rosa-Hellblau-Falle” feststellen.

Den Großteil dieser Arbeit übernehmen Frauen, mit 80% also 4x so viel wie Männer. Deshalb wird der Equal Care Day nur alle 4 Jahre, im Schaltjahr am 29.2. begangen.

Eine genaue Aufschlüsselung dieser Prozentzahl findet ihr hier.

Dieses Ungleichgewicht hat in Partnerschaft und Familie oft Überlastung und Streit zur Folge. Und Care-Berufe werden oft schlecht bezahlt und gesellschaftlich kaum anerkannt. Somit ist das Thema “Equal Care” eng verknüpft mit der “Gender Pay Gap”. Mehr darüber nachzulesen gibt es beim Netzwerk “Care Revolution“.

Mein Herzensthema ist die faire Aufteilung von Haushaltsarbeit in der Familie. Ich bin daher sehr froh, dass Almut mir die Möglichkeit gab, dies in einem kurzen Interview zur Sprache zu bringen, das im Zuge mit der Briefaktion des  heutigen “Equal Care Day” stattfand. Es wird heute im Format frauTV im WDR ausgestrahlt.

“Equal Care” zu Hause – dreimal “Aber”

Wann immer ich dieses Ungleichgewicht thematisiere, sei es in persönlichen Gesprächen oder Onlinediskussionen, ruft es häufig diese drei Reaktionen hervor.

  1. “Aber ich bin gern Hausfrau und Mutter”

    Das ist schön – und das meine ich völlig ernst. Ich freue mich ehrlich für jede einzelne Person, die sich in ihrer selbst gewählten Rolle ausgefüllt und zufrieden fühlt. Was ich mir hier wünschen würde, wäre Solidarität statt Abgrenzung. Ich komme mir sonst so vor, als würde ich mit offener Motorhaube am Straßenrand stehen und es hält jemand an, nur um mir zuzurufen: “Aber bei mir ist alles in Ordnung!”
    Zudem es bei Equal Care ja auch darum geht, dass Frauen (und auch Männer) derzeit mit hohen finanziellen Einbußen abgestraft werden, wenn sie sich dazu entscheiden, Vollzeit zu Hause zu bleiben. Vor allem im Alter: EU-weit sind viel mehr Frauen als Männer von Altersarmut betroffen. Das Problem geht also tatsächlich jeden etwas an, allerspätestens dann, wenn wir im Alter selbst Pflege in Anspruch nehmen müssen.

  2. “Aber bei uns ist das ganz gerecht aufgeteilt”

    Auch ich habe einmal so gedacht und gesprochen – bis zum ersten Kind. Das, wie ich inzwischen weiß, bereits vorher bestehende Ungleichgewicht kippte nach der Geburt immer mehr.  Soziologisch ist das erforscht, es nennt sich  “Retraditionalisierungseffekt” (wobei interessanterweise die Frauen und Männern zugeschriebenen Rollen gar nicht so fest in Traditionen verankert ist, wie immer angenommen).
    Es kann also sein, dass es gerade nur deswegen gut läuft, weil die Belastung des einen Partners noch keinen kritischen Punkt erreicht hat. Es kann natürlich genauso gut sein, dass in der Partnerschaft wirklich alles ausgeglichen verteilt ist. Glückwunsch, bitte bei Punkt 1 weiterlesen.

  3. “Aber ich helfe doch so viel”

    Bei uns musste das Kernproblem erst identifiziert werden. Dies war nämlich nicht, wer jetzt wann den Müll wegbringt und einkauft, sondern vor allem das, was leider noch keinen deutschen Begriff hat, die “Mental Load”, die ewig tickende Checkliste, was zu tun ist und wer es zu tun hat. Das erste Mal stieß ich darauf, als ich diesen Comic einer französischen Künstlerin namens Emma im Netz fand und endlich beschreiben konnte, was mich belastet.
    Die Essenz: “Sag mir, wenn du Hilfe brauchst” ist ehrlich hilfreich und unterstützend gemeint, aber eigentlich ist es auch eine Auslagerung von Verantwortung. Das mussten wir beide lernen. Denn am Schluss zählt nicht, wer jetzt mit dem Kind neue Gummistiefel einkaufen geht oder die Papiertonne rausstellt, sondern dass beide daran gedacht haben, dass es fällig ist.

 

Und was jetzt?

Über das Problem zu sprechen, es zu benennen, ist nur der allererste Schritt. Nach der Bereitschaft, etwas zu ändern da ist, werde ich inzwischen häufiger gefragt, welche Lösungen wir für uns gefunden haben. Diese Liste ist natürlich nicht vollständig und muss an die individuelle Situation angepasst werden. Aber vielleicht kann sie als Anhaltspunkt dienen, um einen eigenen Weg zu finden.

  1. Sichtbar machen

    Meistens hat gerade der nicht überlastete Partner ein sehr verzerrte Wahrnehmung von dem, was erledigt werden muss und was er (oder sie) wirklich davon übernimmt. Hier helfen nur harte, kalte Zahlen.Wir benutzten dazu eine Liste, die ich bei dasnuf.de gefunden hatte. Aus der machten wir eine Excel-Tabelle, bei der wir an jedem Punkt folgende Werte vergaben: “selten”, “häufig”, “immer” sowie farbige Markierungen für “selbstständig” und “auf Aufforderung”. Das Ergebnis war sehr eindeutig und ziemlich ernüchternd für meinen Mann.

  2. Ökonömische Lösungen statt Schuldzuweisungen

    Häufige fällt bei der Verteilung von Haushaltspflichten ein Satz wie  “aber ich sehe das nicht” oder “da denke ich nicht daran.” Anstatt mit Vorwürfen oder Ärger zu kontern, begegnet diesen Bedenken lösungsorientert – von beiden Seiten. Dabei kann es helfen, sich mental in ein anderes Umfeld zu versetzen. Im Job ist die Reaktion auf ein herausforderndes Problem ja auch nicht “das kann ich nicht” und Aufgeben, wenn man Wert darauf legt, ihn zu behalten.

    Die “Mental Load” müssen ab jetzt beide gemeinsam tragen, damit es bei einem plötzlichen Ausfall immer ein Backup gibt. Die tatsächliche Ausführung der Pflichten wird fair nach Zeitressourcen geteilt –  auch nach Stärken und Schwächen. Zur Post geht, wer bis zur Öffnungszeit an einer vorbekommt. Aber wer sich bis zum Erbrechen davor ekelt, sollte nicht gezwungen werden, die Abflüsse zu reinigen. Kinderarztbesuche nimmt die Person wahr, die tagsüber einfacher Termine machen kann. Aber im Notfall wissen beide, wo Impfpass und Versicherungskarte liegen. All das wird in einem Fahrplan festgehalten.

  3. Sprache anpassen

    Schon kleine Änderungen machen einen großen Unterschied. Das Streichen eines einzelnen Wortes hatte bei uns bereits eine durchschlagende Wirkung. Niemand “hilft” hier mehr beim Abwasch oder bei der Kinderpflege – der Haushalt ist ein gemeinsamer Bereich, den wir als Team angehen. Man darf sich auch gerne darauf aufmerksam machen, wenn eine Person das H-Wort trotzdem benutzt.

  4. Hilfsmittel suchen

    Dies heißt natürlich nicht, dass Hilfe ab jetzt tabu ist. Eingefahrene Muster durchbrechen sich nicht von alleine. Glücklicherweise leben wir in einem Zeitalter, bei dem es für fast alle Probleme eine passende App gibt. Manchmal hat man sie sogar schon, ohne es zu wissen: Android-User können Google Calendar miteinander verknüpfen und Termine miteinander teilen und Push-Notifications einstellen – so viele, wie eben nötig sind, damit nichts vergessen wird. Alternativen sind Looping und Cozy.

    Darüber hinaus gibt es kostenlose Projektmanagementtools wie Trello, bei denen auf einem virtuellen Pinboard Aufgaben und Checklisten einander zugewiesen werden können. Nicht selbst getestet aber nur Gutes gehört habe ich von der App Out of Milk, die neben Einkaufslisten und Vorratslisten auch To-Do-Listen anlegen kann. Aber auch analoge Hilfsmittel sind reichlich verfügbar – Familienkalender mit verschiedenen Spalten, Klebezettel, eine große gemeinsame Pinnwand – es hängt alles von den eigenen Vorlieben und Denkstrukturen ab.

  5. Team sein und bleiben

    Der vielleicht wichtigste Punkt: Nicht vergessen, dass all diese Arbeit ja ein gemeinsames Ziel hat, nämlich die Belastung aus der Partnerschaft zu nehmen und zukünftig wieder andere Dinge in den Mittelpunkt stellen zu können, als den Haushalt. Schließlich lebt man ja vor allem deswegen zusammen unter einem Dach,  weil man sich liebt und schätzt und möchte, dass es allen gut geht.

 

Advertisements

what if

Auf Twitter folge ich seit neuestem einigen Bloggerinnen, die nicht nur meine TL sehr bereichern, sondern sehr viel aktiver bloggen, als ich (was nicht besonders schwierig ist, ahem). Derzeit geht ein Blogstöckchen/Blogparade zum Thema “was wäre wenn du alleinerziehend wärst”. herum, was ich als Anlass nehme, dieses schlimm vernachlässigte Blog zu füllen.

Ich habe versucht, die hypothetischen Fragen mit dem größtmöglichen Respekt zu behandeln. Für mich ist das nur ein Gedankenspiel und ich habe natürlich keine Ahnung, was im Fall der Fälle wirklich auf mich zukäme. Höchstwahrscheinlich sind dies also nur völlig unrealistische Vorstellungen.

1. Wie war Deine Vorstellung von Familie vor Familie? Wieviel ist wahr? Was ist komplett anders geworden?
Ich hatte keine Vorstellung. Für mich war Familie etwas, was passiert oder auch nicht. Ich war mir lange nicht mal sicher, ob ich das überhaupt möchte und habe vermieden, darüber nachzudenken. Ganz früher (TM) habe ich mir das so vorgestellt, wie es bei uns zuhause war, verheiratet (check), zwei Kinder (eins) und wohl auch mit Haus und Garten und den Eltern, die nachmittags zu Hause sind. Wohnung in der Vorstadt mit Nachmittagsbetreuung finde ich aber weder nachteiliger noch weniger wert.

2. Wie ist das Familien- und Arbeitsleben bei Dir aufgeteilt? Wer leistet wieviel in welchem Bereich: Haushalt, Kinder (Begleitung / Bringen zu Aktivitäten, Arztbesuche etc), technische Aufgaben (Auto, Reparaturen), Kochen?

Die Verantwortungslast 50:50 zu teilen hat etwas gedauert, aber ich würde sagen, dass wir es inzwischen ganz gut hinbekommen. Erledigungen sind eine rein logistische Sache, es ist klar, dass  der/diejenige mit dem Halb- oder Dreivierteljob etwas mehr Zeit auf den Haushalt aufwendet, als der/die mit Vollzeit. Selbiges gilt für Bringen und Abholen, Termine am Nachmittag wahrnehmen usw. Eine lange Zeit war er derjenige, jetzt bin ich es wieder, das hat den großen Vorteil, dass die Routinen bei beiden sitzen. Von Frühstücksboxpacken bis zum Arzttermin gibt es nichts, wo hilflose Anrufe beim jeweils anderen nötig wären.

Es war einmal so, dass ich mehr organisiert habe, weil ich das angeblich besser konnte, aber als mein Mann dann eine Laufbahn im Projektmanagement einschlug, fiel mir dann auch mal auf, dass er so schlecht organisieren wohl doch nicht kann. Inzwischen benutzen wir geteilte Kalender auf Google. Kochen, Wäsche, Putzen usw. wird so erledigt, wie es anfällt. Das einzige, was ich meistens alleine erledige, sind die Pflichten rund um die Haustiere, denn die waren komplett meine Idee. Das ist auch der einzige Bereich, bei dem ich die Vokabel “Hilfe” noch benutze (und sie natürlich auch bekomme, wenn nötig). Und alles um’s Auto macht er, weil es auch auf ihn läuft und er marginal mehr Interesse daran hat, als ich.

3. Entspricht das aktuelle Familienleben Deiner „Wunschvorstellung“?
Ich habe erst herausgefunden, was die eigentlich sind, inzwischen würde ich sagen, ja, aber es war doch ein teils holpriger Weg dorthin.

4. Ab wann würdest Du Dich „alleinerziehend“ bezeichnen?
Ab dem Punkt, wo ich dauerhaft und auf unabsehbare Zeit auf keinerlei Unterstützung  im Alltag seitens meines Partners mehr zugreifen könnte.

5. Zu Zweit schafft man mehr, und es bleibt – im besten Fall – auch mehr Zeit für einen selbst übrig: Was würdest Du als erstes streichen (müssen), wenn als Single-Elter die Zeit nicht mehr reicht? Wo wärst Du am ehesten bereit Abstriche zu machen?
Ich denke, alles, wo ich mehr als einen Tag außer Haus bin, würde wegfallen und viele, wenn nicht alle Aktivitäten, wo ich abends nicht hier in der Wohnung bin (singen, Kino usw.). Ich weiß, dass ich Singen als seelenhygienische Maßnahme brauche und wäre wohl bereit auf den Rest zu verzichten, wenn ich dies weiter erhalten könnte.

6. Müsstest Du als Single-Elter Abstriche beim Job machen (z.B. wegen Kinderbetreuung)?
Nur bei Krankheitsfall, ansonsten so, wie es sich im Moment eingespielt hat, nicht. Noch vor einem Jahr hätte das anders ausgesehen. Inzwischen habe ich auch ein gutes lokales Netzwerk geknüpft, das einspringt, wenn ich wegen eines Zwischenfalls nicht pünktlich abholen könnte.

7. Wo werden die Kinder im Fall einer Trennung bleiben? Mutter oder Vater? Welches Modell (Wechsel, Nest, Ferien) wünschst Du Dir?
Unser favorisiertes Modell ist wohl eine Art WG zu gründen, wenn das die emotionale Lage zulässt, oder in sehr nahen Wohnungen, ggfs im selben Haus, zu leben. Mein Kind nur am Wochenende zu sehen wäre für mich eher denkbar, als für den Vater, aber vermeiden würde ich das auch gerne. Ich musste “Nest” googeln, das kannte ich auch nicht. Wenn das finanziell zu stemmen wäre, eine gute Lösung für uns.

8. Wie würde sich das Alleinerziehend sein auf die Finanzen auswirken? Hast du Angst, finanziell „abzurutschen“ als Single-Elter?
Es wäre sehr weniger Geld als jetzt, aber nicht sehr viel weniger als noch vor einiger Zeit, ich würde also klarkommen.

9. Was ist mit Kindesunterhalt? Würdest Du anstandslos zahlen bzw. würde es anstandslos gezahlt?
Wenn der zahlungspflichtige Elter nicht zahlt: Gang zum JA für Unterhaltsvorauszahlung?
Ja. Und ja. Und ja. In unserem Fall müsste schon sehr vieles im Argen liegen dafür.

10. Vorausgesetzt ihr seid verheiratet: Würdest Du Trennungsunterhalt verlangen/ zahlen?
Da müsste ich mich mal informieren, was das überhaupt bedeutet.

11. Müsstet ihr umziehen?
Einer müsste ausziehen, denn die Wohnung ist zu klein, um als getrenntes Paar hier zu leben. Da die Tiere leider auch recht viel Platz brauchen, wäre es wohl einfacher, er zieht aus (sorry), oder dass wir diese Nestlösung schaffen – bei den Mietpreisen in der Gegend allerdings eher utopisch.

12. Was glaubst Du, wie schnell schafft Ihr es, von der Paar-Ebene auf die reine Eltern-Ebene zu wechseln? Wie gut würde es Dir gelingen und wie gut Deiner*m Partner*in?
Das kann ich nicht sagen. Ich hoffe einfach, dass wir es nicht ausprobieren müssen.

13. Sorgerecht ist ja – sofern nicht Schlimmes vorgefallen ist – unkritisch, also nicht wirklich verhandelbar. Wie würdest Du das umgangsrecht regeln wollen: Vereinbarung unter Eltern, in Absprache mit dem JA, in Absprache mit einem Anwalt, gerichtlich?
Im Bestfall Vereinbarung unter uns. Ich würde jetzt behaupten, ein Anwalt wäre umnötig , aber man kann ja nie etwas ausschließen.

14. Würdest Du das alleinige Sorgerecht wollen, wenn die Kinder bei Dir bleiben? Würdest Du es dem anderen Elter „zugestehen“? (sehr hypothetische Frage)
Nein, das würde ich nicht wollen, es sei denn, es wäre etwas so Schlimmes geschehen, dass es seine Kompetenz als Vater in Frage stellt.

15. Weißt Du, was eine Sorgerechtsvollmacht ist?
Ja, aber wir haben uns noch nicht darum gekümmert – das wird jetzt Zeit, besten Dank für die Erinnerung.

16. Was sind generell Deine größten Ängste hinsichtlich des Ein-Elter-Daseins (z.B. finanziell/ Job), organisatorisch, bzgl. der Kinder, Selfcare)?
Soziale Isolation und emotionaler Kontrollverlust. Als Alleinerziehende wäre ich definitiv überfordert und darunter würde das Kind früher oder später leiden.

12 Bilderbücher, die beim Vorlesen nicht nerven

Gleich zwei Anlässe für einen Blogeintrag:

1.  Diese Klickstrecke über nervige Bilderbücher der SZ, in der alle meine Hasskandidaten vereint sind (und die mich vor ein paar mehr vorwarnte)

2. Mein Post über 10 Bilderbücher für Kinder,  die auch Erwachsene gerne vorlesen ist inzwischen so lange her, dass ich die Vorlesempfehlung von “ab zwei” auf “ab drei” hochstufen muss.

Bevor wir ins Vorschulalter schlittern, also noch mal 12 Bücher, die auch wir Eltern gerne und oft vorlesen.

1. Sven Nordqvist: Wo ist meine Schwester?

Sven Nordqvist ist den meisten vorlesenden Eltern als Zeichner und Autor der “Pettersson und Findus”-Reihe bekannt, die hier und da ein bisschen surreal sind, aber größtenteils auf dem Boden der Realität bleiben (inwieweit das mit einer sprechenden Katze eben geht). In diesem übergroßen Bilderbuch hebt Nordqvist völlig in eine schräge Phantasiewelt ab. Jede einzelne Seite ist so detailliert, dass man gar nicht weiß, wo man zuerst hingucken möchte – und die Suche nach der Schwester des kleinen Trolljungen ist wirklich gar nicht mal so einfach. Das wuchtige Format ist unpraktisch für das Regal (und leider auch sehr teuer), dem Inhalt aber absolut angemessen. Dies ist kein Buch für zwischendurch, sondern braucht Zeit und Hingabe.

2. Tor Freeman: Pino Pfote, Päckchenbote & Pino Pfote – Ab die Post

Suchbücher gibt es inzwischen viele, doch die meisten sind nicht besonders einfallsreich. Anders als die zwei Bücher mit Pino Pfote, der Päckchen quer durch seine Stadt austrägt, wo die Empfänger und Empfängerinnen in Tropenhaus, Museum, Werkstatt und so weiter schon dringend auf ihre Lieferung warten. Freemans Bilder sind dabei voller Situationskomik und Anspielungen, an denen auch Erwachsene ihre Freude haben werden. Schön auch, dass sich das Buch weg von den üblichen Klischees bewegt. Rollen und Berufe sind kreuz und quer verteilt und auch die Suche nach den Gegenständen macht jedes Mal wieder Spaß, weil man fast immer etwas Neues entdeckt.

3. Hélène Lasserre: Tolle Nachbarn

Der Schafsjunge mit Brille wohnt in einem grauen Reihenhaus, mit lauter anderen Schafen. Doch als andere Tiere einziehen, wird das Haus lebendiger und bunter – auch wenn es durch die unterschiedlichen Bedürfnisse von Störchen, Krokodilen und Tigern jetzt Stress mit den anderen Schafen gibt. Als Zyniker könnte man dieses Buch wohl als gezeichnete Sozialromantik bezeichnen, aber gerade bei dem heutigen Diskussionsklima finde ich es dringend nötig. Unterm Strich handelt es vom aufeinander Zugehen und miteinander anstatt nur nebeneinander zu leben und ist dabei wunderschön detailliert gezeichnet.  Wie auch “Wo ist meine Schwester?”  besticht “Tolle Nachbarn” durch sein ungewöhnliches Format: es ist sehr hoch und schmal, was viel Platz für die vielen Stockwerke des Hauses lässt.Und wer mich sozialromantisch findet, weil ich schön finde, wie eine Kuh in einen Taucheranzug steigt, um mit den Nachbarsfischen Zeitung zu lesen – bitteschön.

4. Quentin Blake: 1, 2, 3, wo ist der Papagei?

Die Illustrationen von Quentin Blake mochte ich als Kind in den Büchern von Roald Dahl schon gerne und freute mich daher, ihn als Illustrator von Bilderbüchern in der Bibliothek wiederzutreffen. “1, 2, 3, wo ist der Papagei?” ist leider ansonsten nur gebraucht erhältlich, aber schon seit dem ersten Besuch in der Bücherei ein immer wieder geliehener Klassiker geworden. Professor Dupont sucht seine zehn Papageien, auf jeder Doppelseite in einem anderen Zimmer seines Hauses. Er selbst sieht sie nicht, der Betrachter des Bildes aber schon, was unser Kind sehr amüsiert. Dazu ist der Professor auf die typische Blake-Art etwas schräg und schrullig, was wiederum uns Vorlesenden gefällt.

5. Petr Horacek: Kleiner blauer Pinguin

Eine Geschichte vom Anderssein, ein Gefühl, das wohl jedes Kind einmal hat. Der Pinguin ist blau, fühlt sich aber trotzdem einfach als ein Pinguin, etwas, was die anderen Pinguine um ihn herum nicht verstehen, denn für sie gehört er nicht zu ihnen. Das Buch findet einfache, schon für kleine Kinder verständliche Worte um die Emotionen des blauen Pinguins zu beschreiben und bleibt gleichzeitig so abstrakt, dass das, was den Pinguin eben anders macht, stellvertretend für vieles im Kinderleben stehen kann. Es zeigt, wie wichtig Freundschaft ist und dass sie zunächst ausweglos scheinende Situationen besser machen kann. Dazu ist es sehr schön illustriert.

6. Annette Langen, Frauke Bahr: Carlotta – Hurra, mein Bruder ist da!


Das Buch klingt zunächst, wie die meisten Geschwisterbücher: das große Geschwisterkind freut sich, ist dann erst enttäuscht und wächst dann schließlich in seine neue Aufgabe hinein. Was das Buch aber besonders macht, ist seine Protagonistin, die mal nicht das übliche brave und vernünftige Mädchen aus den meisten deutschen Bilderbüchern ist. Abgesehen davon, dass endlich mal eine Hauptfigur keine helle Haut hat, ist Carlotta einfach ein authentisches kleines Kind mit Ecken und Kanten, das sich auch mal so richtig daneben benimmt. Da kann Conni einpacken, wir halten Ausschau nach den anderen zwei Carlotta-Büchern.

7. Eric Carle: Do you want to be my friend? / Die kleine Maus sucht einen Freund

Eric Carle kennen wohl fast alle Eltern als Illustrator der kleinen Raupe Nimmersatt. Er hat noch viele weitere Kinderbücher geschrieben, die fast alle sehr empfehlenswert ist. Auf die englische Ausgabe des Buchs mit der kleinen Maus, die einen Freund sucht, stießen wir zufällig in einem Kindercafé. Durch die ständige Wiederholung der Frage der Maus (“do you want to be my friend?”) ist es auch auf Englisch für Kindergartenkinder verständlich. Und am Schluss gibt es sogar einen kleinen Überraschungseffekt.

8. Nicholas Odland: Mach mal Pause, Biber

Ein Biber weiß beim Nagen nicht, wo er aufhören soll und bringt durch seine Arbeitswut den Wald, seine Freunde und schließlich sich selbst in Gefahr. Ein durchaus etwas skurriles Buch, bei dem ich mit meinem Mann ausnahmsweise unterschiedlicher Meinung bin, er hält es für eher seltsam und nicht schön illustriert – es ist also Geschmackssache. Ich finde es witzig und auch die Botschaft gut: lieber vorher nachdenken und auch mal eine Pause machen. Ein Buch, dass sich auch manche Erwachsene gerne mal zu Herzen nehmen dürfen.

9. Oliver Jeffers, Sarah Haag: Der unglaubliche Bücherfresser

Ich mag es ja, wenn Kinderbücher mal nicht knuddelig-niedlich getrimmt sind, sondern richtige Kunstwerke sind. Dieses Buch über das Lesen ist mit sehr hochwertigen Zeichnungen illustriert, die teilweise auf Buchseiten und Buchrücken entstanden und auch so bei uns an der Wand hängen könnten. Es handelt von Henry, der Bücher frisst, um schlauer zu werden und irgendwann darauf kommt, dass es anders besser geht. Das Buch lebt vor allem durch seine Illustrationen und auch das Format – eine Kante ist herausgebissen, was unsere Dreijährige immer wieder lustig findet.

10. Reihe: “Frag doch mal die Maus” – Erstes Sachwissen

Wenn das Kind für “Was ist was” noch zu klein ist, aber zu der Sorte  gehört, die ständig fragt “wie funktioniert das” und “warum”, ist diese Buchreihe genau richtig. Es gibt eine ähnliche Serie von Ravensburger, doch dort schwankt die Qualität je nach Thema sehr stark und ich mag den Stil der “Maus”-Reihe lieber. Genau wie auch die Fernsehmaus es seit Jahrzehnten vorbildlich macht, werden hier Sachthemen kindgerecht aufgearbeitet und in Büchern mit vielen Klappen und Extras wie zusätzlichen Spielen verpackt. Für eine längere Bahnreise habe ich uns das Eisenbahnbuch gekauft und wirklich alle Fragen meiner Tochter beantworten können. Bisher hatten wir noch kein Buch aus der Reihe in der Hand, was uns enttäuscht hat.

11. Jane Hissey: Kleine Bären-Bücherei

Ein Speicherfund, den es nur noch gebraucht zu kaufen gibt. Die Box enthält drei Bücher mit den Abenteuern eines kleinen, aufgeweckten Plüschbären mit roter Hose und seinen Freunden aus dem Kinderzimmer. Die Geschichten sind kunstreich illustriert und etwas länger, aber gepaart mit den detaillierten Bildern durchaus innerhalb der Konzentrationsspanne aufgeweckter Dreijähriger. Es passieren spannende Dinge und vor allem nichts wirklich Bedrohliches in dieser wunderschön gezeichneten Retro-Welt voller Chintz und Blümchentapeten. Die Illustratorin Jane Hissey erweckt mit ihren liebevollen Büchern bereits seit 30 Jahren  ihren eigenen Teddybären und die Stofftiere ihrer Kinder zum Leben.

12. Max Kruse & Günther Jakobs: Urmel-Reihe

Die Geschichten um das Urzeittier Urmel auf der Insel Titiwu sind seit Generationen ein geliebter Kinderbuchklassiker. Unser Kind lernte sie durch ein Hörspiel kennen, ist zum Vorlesen der Buchversion aber noch zu klein. Die Bilderbuchversion ist für das Alter ab drei genau richtig: Die Geschichten sind kurz, aber nicht banal und Jakobs Zeichenstil schafft es, den Charme der Vorlage beizubehalten und sie gleichzeitig sanft zu modernisieren, ohne sie glattzubügeln. Wir haben bisher “Urmel sucht den Schatz” und “Urmel und die Schweinefee” gelesen, welche beide schnell zu Familienfavoriten wurden.

12A. Astrid Lindgren: Die Kinder aus Bullerbü

Wie schon bei der letzten Liste ist dieses Buch außer Konkurrenz gelistet, da es kein Bilderbuch ist und eigentlich für ältere Kinder gedacht ist. Die Kapitel sind allerdings so kurz gehalten, dass sie durchaus auch schon im Kindergarten vorgelesen werden können. Auch hier baut sich Spannung in Alltagssituationen auf, beispielsweise wenn Inga und Lisa einkaufen gehen und immer wieder vergessen, was sie kaufen sollen. Außerdem gibt es für die Feiertage wie Ostern und Weihnachten Geschichten, die man in dieser Zeit dann vorlesen kann.

Was sind eure Lieblingsbücher? Was lest ihr gern vor, was geht gar nicht? Ich hoffe, ihr konntet wieder ein paar schöne Buchempfehlungen mitnehmen, man kann es nicht oft genug sagen: auch kleine Kinder verdienen gut gemachte Bücher.

Auf den Bildern liegen sogenannte Affiliate-Links, d. h., solltet ihr das Buch über diesen Link kaufen, fällt eine winzige Provision für mich ab. Ich setze Affiliate-Links grundsätzlich aus eigener Motivation und nur für Produkte, die ich uneingeschränkt empfehle.

10 Bilderbücher, an denen auch Eltern Spaß haben

Bloggerregel Nr. 394: wenn man einen Blogpost nicht schreibt, schreibt ihn wer anders. Und so gab es bei dasnuf.de neulich schon zwei Kinderbuchempfehlungen, die vorlesende Eltern nicht in den Wahnsinn treiben, während dieser Eintrag in den Entwürfen Staub ansetzte.

Mein Lesepublikum befindet sich ja noch ein paar Alterklassen weiter unten, aber gerade bei Kleinkindern sollte dieses Kriterum nicht unterschätzt werden. Hat ein Kleinkind ein Buch ins Herz geschlossen, muss es immer und immer und immer wieder gelesen werden. Bei guten Bilderbüchern ist das schon anstrengend. Bei schlechten ist der 10. Durchgang physisch manchmal kaum noch zu ertragen.

Dazu zähle ich die vielen, schrecklich belanglosen  Bilderbücher, deren Autoren sich offensichtlich nie mehr als fünf Minuten mit einem aufgeweckten Kleinkind beschäftigen mussten. Anspruch an Charaktere oder Geschichte? Brauchenmernich, die Kinder versteeeehen das ja noch gar nicht. Hauptsache, irgendwer pupst. Oder ist frech. Und es gibt ein paar bunte Bildchen – UND DIE SIND OFT NICHT MAL SCHÖN!

Bevor ich mich hier aber aufrege und auf den üblichen Verdächtigen herumreite (ein gewisses schwarzes Federtier mit gestreifter Fußbekleidung wird hier besonders von den Vorlesenden gehasst), hier meine Empfehlung für Kinder ab zwei.

 

1. Rotraud Susanne Berner: Wimmlingen-Wimmelbücher

Führt nicht gerade King of Wimmelbuch Ali Mitgutsch die Feder sind Wimmelbücher leider oft eine sehr unkreative Angelegenheit. Rotraud Susanne Berner macht jedoch mehr, als einfach nur Seiten mit möglichst vielen Details vollzustopfen.  Alle Bewohner von Wimmlingen, wo jedes der Bücher spielt, haben nämlich  ihre eigenen kleinen Geschichten, die sich durch alle nachfolgenden ziehen (Winter, Frühling, Sommer, Herbst, Nacht). Für uns hatte das geradezu einen Seifenoper-Effekt. Wird Manfred Elke heiraten? Wie sieht der neugebaute Kindergarten aus? Wird der Fahrkartenautomat am Bahnhof wohl endlich repariert?   Auch die Natur rund um die Stadt ändert sich je nach Saison. Wir haben jedes Buch in der entsprechenden Jahreszeit gekauft und uns gemeinsam gefreut, wie die Kinder von Wimmlingen parallel zu unserem größer wurden. Außerdem gibt es unter den Einwohnern eine für deutsche Verhältnisse geradezu erfrischende Vielfalt.

2. Jackie French & Bruche Whatley: Tagebuch eines Wombats & Tagebuch eines Babywombats

Wombats haben wirklich ganz schön viel zu tun. Schlafen, fressen, sich kratzen – da ist eine Woche schnell vorbei. Und da sind noch diese komischen Wesen in dem großen Loch, die einfach nicht verstehen, was man am liebsten frisst. Vorbild für die durch und durch liebenswerten Wombat-Bilderbücher ist “Mothball”, ein Wombat, das bei der australischen Autorin Jackie French im Hinterhof lebt. Und dank Illustrator Bruce Whatley wissen wir jetzt, wie ausdrucksstark ein Wombatblick sein kann. Die Fortsetzung mit Mamawombat und Babywombat schafft es sogar, noch toller, als das erste Buch zu sein. Mein Reinkarnationsziel ist ab sofort jedenfalls eindeutig Wombat.

3. Alice Melvin: Emma kauft ein

Emma hat eine Liste mit zehn Dingen, die sie einkaufen möchte. Man kann sich zwar fragen, was ein kleines Mädchen mit einem Kakadu, einem Gartenschlauch und einem antiken Teppich anstellen möchte, aber bei Emma stehen vor allem die Bilder im Vordergrund, und die sind einfach wunderschön. Auf jeder Seite gibt es einen altmodischen Laden zu entdecken, bis zum Dach vollgestopft mit liebevoll gezeichneten Gegenständen. Schön für Kleinkinder sind die Reime und der Klappeffekt der Seiten, mit denen man die in die Geschäfte hineinsehen kann. Und auch wenn man meint, dass das Thema Einkaufen so viel Tiefe gar nicht hergibt – das Ende ist richtig toll. Da verzeiht man auch die etwas hakeligen Reime der deutschen Ausgabe.

Continue reading

#aufaugenhöhe – auch 2016

Lieber Andreas,

heute spülte mir Twitter dies auf die Timeline.

 

Ich folgte dem Link, las ihn und tippte erst einmal mindestens eine halbe Stunde in Rage vor mich her. Dann erst merkte ich, dass der Blogpost, den du dort verlinkst, schon anderthalb Jahre alt ist. Und das Leute schon ausführlich darauf geantwortet haben. Wie Mama Notes zum Beispiel. Eine ganze Blogparade entstand, #aufaugenhöhe – die hab ich verpasst. Und du wohl auch.

Denn heute du verlinkst denselben Blogpost noch einmal. Unverändert. Vielleicht ist das ja auch nur ein Missverständnis. Vielleicht ist auch nur dein Twitterprogramm so eingestellt, dass es immer mal wieder ältere Links streut. Aber es wird Leute geben, die den Eintrag lesen. Und vielleicht ausdrucken und ihren Frauen hinlegen, wie du es vorschlägst. Und das möchte ich verhindern.

Auch anderthalb Jahre später ist die Situation immer noch dieselbe. Zwei Drittel der Arbeitszeit von Frauen ist unbezahlt – dazu zählt Kinderbertreuung und Haushaltsführung. Bei Männern ist es weniger als die Hälfte. Bei der Elternzeit hat sich auch kaum etwas getan. 80 % aller Väter, die Elternzeit nehmen, tun dies nur für 2 Monate. Haushalt und Kinder sind größtenteils weiterhin Frauensache. Dass viele Frauen (und auch viele Männer) diese Situation nicht zufriedenstellend finden, hast du im Feedback zu #aufaugenhöhe lesen können.

Auch ich sehe nicht ein, mich damit abzufinden, dass “Männer halt so sind”, wie du es schreibst:

” Wir haben bei vielen Dingen einen ganz andere Hemmschwelle als Frauen. Das muss genetisch sein.”

Gene sind eine tolle Sache. Es gibt Theorien, dass sogar Dinge wie die Tendenz zu Scheidungen genetisch veranlagt sein können (ich empfehle Interessierten an dieser Stelle immer die Bücher von Stephen Pinker). Aber obwohl ich mich als Lain gehörig aus dem Fenster lehne,  bin ich mir ziemlich sicher: Es gibt kein Gen, das leere Kühlschränke voll und volle Mülleimer als leer erscheinen lässt.

 

Alles andere ist eine Ausrede und auch dieser Brief ist nichts anderes, hübsch verpackt in Komplimente.  Wenn das “anbetungswürdige Geschöpf” namens Frau, das alles im Griff hat, nicht zur Arbeit ruft, dann wird wohl auch nichts sein. Und wenn die Göttin dann doch Hilfe von ihrem treuen Diener möchte, muss sie nur drei winzig kleine Dinge beachten:

“Wir sehen viele Aufgaben nicht, selbst wenn sie uns beißen.
Sagt uns was wir tun sollen und wir tun es.
Sagt es uns so, dass wir es verstehen.”

Frauen in einer derartigen Konstellation müssen sich nur leider wesentlich mehr als diese drei Dinge merken, denn auch wenn man jemanden zum Einkaufen abkommandiert, muss man sich ja erst mal grundsätzlich selbst merken, was gerade fehlt. Merken, wann das Kind vom Kindergarten geholt werden muss. Merken, wann die Waschmaschine gelaufen ist. Eine Liste, die ins Unendliche geht. Und wenn man müde ist oder hungrig oder einfach keine Lust auf diesen ganzen Kram hat, fällt uns Frauen das Merken genetisch kein bisschen leichter als Männern. Da landen diese drei Punkte höchstens auf Platz 334-336.

Daher, meine Bitte:

Liebe Männer, die diesen Brief auch im Jahr 2016 noch ausdrucken möchten, um ihn ihrer Frau vorzulegen:

Lasst es.

Wenn ihr euch nicht merken könnt, dass kein Brot mehr da ist, oder euer Kind abgeholt werden muss, dann liegt das nicht an eurem Männerhirn. Sondern daran, dass diese Dinge keine besonders hohe Priorität für euch haben. Werden im Radio die Staus durchgesagt, hört man bei der Autobahn der Gegenrichtung ja auch nicht mehr richtig zu.  Ich wette, zum Treffen mit Euren Freunden und ins Büro schafft ihr es meistens pünktlich und mit der richtigen Hose an. Und wenn ihr euch das wirklich, wirklich nicht merken könnt – dafür gibt es Kalender. Oder Apps. Oder einfach einen Zettel und einen Stift.

Dreht diesen unsäglichen Brief um und fangt direkt an.

 

Dinge verschwinden

Ich gebe es offen zu: Meistens verschwinden Dinge in dieser Wohnung durch meine Schuld. Mein  Kurzzeitgedächtnis ist phänomenal löchrig. Wenn ich einen Gegenstand in der Hand halte und abgelenkt werde,  lege ich ihn ab und zwei Sekunden später suche ich verzweifelt danach. Regelmäßig treibe ich meine Familie auf wilden Jagden nach meiner Brille, meinem Schlüssel, meinem Handy durch die Wohnung. Sie nehmen es mit Humor, denn noch ist nie wirklich etwas weggekommen. Es tauchte immer wieder auf.

Bisher.

“Wo ist der Autoschlüssel?” Der Mann ist diesmal wenig verständnisvoll und wer wird es ihm verübeln?  In fünf Minuten muss das Kind bei der Tagesmutter sein und ich bin auf dem Weg zur Arbeit am anderen Ende der Stadt. Mir wird abwechselnd heiß und kalt.  Das ist bereits der Ersatzschlüssel. Der erste verschwand vor einigen Monaten auf unerklärlicher Weise. Beide Male war ich die letzte gewesen, die ihn in der Hand gehalten hatte.

“Kommode oder Schlüsselbrett?”
“Nein.”

Panisch taste ich meine Manteltaschen ab. Leer. Auch im Rucksack ist er nicht. Es bleibt uns nichts anderes übrig, der Mann muss das Kind zu Fuß hastig hin- und mit entsprechendem Vorlauf nachmittags zurückbringen.  Er ist weiterhin nicht gerade begeistert (“beim ersten Schlüssel hab ich noch gelacht”).

Ich dagegen fangen ernsthaft an, an meinem Geisteszustand zu zweifeln. Whatsapp-Nachrichten fliegen hin und her. Schreibtisch, Couchtisch, doch die Kommode? Handtasche? Wo soll er denn sonst sein?  Ist er mir vielleicht aus der Tasche gefallen, als ich das Kind abschnallte?

Das Kind.

Bei beiden Autofahrten, nach denen die Schlüssel verschwanden,  hatte ich das Kind dabei und jeweils kurz im Flur nicht auf es geachtet, während ich meine Jacke und Schuhe auszog.

Das Kind versteckt normalerweise keine Dinge. Aber es hilft gerne. Es trägt mir die Schuhe hinterher, die Einkaufstasche. Es mag auch den Autoschlüssel gerne und hält ihn manchmal für mich fest und darf dann auf den “Zu”-Knopf drücken.

Das Kind ist außerdem gewachsen und kann jetzt mit seinen Patschehändchen auf die Kommode reichen, auf die ich den Schlüssel nach meiner Rückkehr meistens lege.

Anruf: “Frag das Kind. Vielleicht hat das Kind den Schlüssel versteckt.”

Der Vater ist empört, dass ich meine Schusseligkeit jetzt dem armen Kind in die Schuhe schiebe, aber da er genauso verzweifelt ist wie ich,  fragt er, ohne nennenswerte Resultate.

Abends komme ich, vom schlechten Gewissen geplagt,  heim und gehe meinen Weg vom Auto in die Wohnung selbst ab, suche alle benutzten Taschen und Kleidungsstücke durch, alle Oberflächen. Nichts.

Das passionierte Lesen von Detektivromanen hat mich eins gelehrt: “Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist.”

Ich wende mich dem Kind zu. Das Kind sitzt beim Abendessen und stopft Käsebrot in sich hinein.

Ich: “Weißt du wo der Autoschlüssel ist?”
Kind: (Krümel sprühend) “Ja.”
Vater: “Als ob das was zu sagen hat.” (Das Kind antwortet oft mit “ja”.)
Ich: “Wo ist der Autoschlüssel denn? Ist er vielleicht im Schlafzimmer?”
Kind: “Ja.”
Vater: “Suggestivfragen! Das gibt nichts.”

Es müssen härtere Geschütze aufgefahren werden.

Ich: “Wir spielen jetzt ein Spiel. Wer den Autoschlüssel findet, der kriegt Schokolade.”
Kind: “LADE. Lade haben!”
Ich: “Wenn du mir den Schlüssel bringst. Weißt du wo er ist?”
Kind: “Ja. Lade!”
Ich: “Zeig mir wo der Schlüssel ist und ich fahre sofort los und kaufe dir Schokolade. Ich bin dir auch nicht böse. Ehrlich.”
Kind: “Lade!”
Ich: “Mama braucht den Schlüssel, sonst kann sie nicht Schokolade kaufen fahren….”
Das Kind springt auf und rennt vor in den Flur.
Kind, aus dem Flur rufend: “Mode!”
Ich und der Vater schauen uns mitleidig an. Das arme Kind hat den Schlüssel wohl dort als letztes gesehen und hofft nun auf Schokolade. Nur haben wir die Kommode natürlich mehr als gründlich abgesucht, schließlich ist es auch der allererste Ort, an den ich den Mann nach seinem Anruf verwiesen habe. Er hat sie sogar von der Wand gerückt, um dahinter nachzusehen.
Kind: “Mode, Mama, pomm gucken!”

Wir folgen dem Kind. Es steht vor der Kommode. Darauf blitzt etwas Silbernes.

Der Mann bricht in hysterisches Gelächter aus.

Das Kind strahlt. “Lade!”

Obwohl es schon fast Schlafenszeit ist, fahre ich los und kaufe dem Kind einen Schokoladenriegel.  Während es ihn selig verschlingt, eruieren der Mann und ich die Bedeutung der jüngsten Geschehnisse.

1. Unsere geistigen Fähigkeiten nehmen langsam aber sicher ab. Unserer Wahrnehmung ist bald nicht mehr zu trauen. Wir müssen uns wichtige Informationen auf die Oberarme tätowieren und ein Video für das Kind aufnehmen, solange wir uns noch an unsere Namen erinnern.

2. Wir haben einen schlüsselversteckenden und wieder auftauchen lassenden Poltergeist in der Wohnung.

oder

3. Das Kind versteckt, wenn es unbeobachtet ist, Dinge und hat
4. gelernt, wenn es sie versteckt und wiederbringt, gibt es Schokolade.

Freundliche aber bestimmte Befragungen nach dem ersten Schlüssel bleiben fruchtlos, trotz drastischen Erhöhungen der Bestechungssumme. Das Kind schaut uns lieb an – in seiner Welt ist das Ereignis Jahre her und längst vergessen. Fast hätte den Zweitschlüssel dasselbe Schicksal ereilt.  Mein Blick wandert auf das kindhohe Beistelltischchen, wo ich meine Handtasche regelmäßig abstelle. Mit meiner Geldbörse, meinem Handy, meinen USB-Sticks für die Arbeit – mir wird schon wieder abwechselnd heiß und kalt.

Ich weise den Mann an, nach meinem Verlassen der Wohnung am Morgen jetzt nur noch mit offener Tür zu duschen. Meine Handtasche nehme ich ab jetzt überall hin mit, nachts kommt sie unters Kopfkissen. Der Autoschlüssel hänge ich an das Schlüsselbrett an der Wand. Noch kommt das Kind dort nicht heran. Noch.

Alltagstechnik in Wimmelbüchern

Seit heute schreibe ich beim Techniktagebuch mit, ein Umstand, der mich sehr freut.

Das Techniktagebuch sammelt interessante Begegnungen mit der Alltagstechnik, früher sowie heute (was ja dann irgendwann einmal früher ist). Und sucht immer GastautorInnen, also schaut es euch einmal an.

Zuletzt schrieb ich dort über ein Literaturgenre, um das mal als halbwegs involviertes Elternteil nicht herumkommt: Das Wimmelbuch. Zuerst veröffentlicht hier im Techniktagebuch.

—-

Mein letzter Beitrag inspirierte mich dazu, bei der abendlichen Lesestunde nach Alltagstechnik in den Lieblingswimmelbüchern meines Kindes Ausschau zu halten. Dank bibliophiler Großeltern haben wir auch noch ein gut erhaltenes Wimmelbuch aus meiner eigenen Kindheit im Repertoire.

Die teilweise auftretende Unschärfe entschuldige ich mit meiner Handykamera und der recht geringen Größe mancher Zeichnungen.

Das erste Buch entstand im Jahr 1968, “Rundherum in meiner Stadt” von Ali Mitgutsch – das erste deutsche Wimmelbuch überhaupt, wie mir das Internet verrät. Es wird heute immer noch aufgelegt.

image

In Ali Mitgutschs Stadt verkauft ein Mann Zeitungen auf der Straße. Ich verbinde solche Bilder immer mit den Rufen “Extrablatt, Extrablatt!” obwohl in meiner Kindheit so etwas schon längst passé war.

image

Im Freibad liest man die gekaufte Zeitung und jeder hat sein Transistorradio dabei. Meinem Kind werde ich wohl erklären müssen, was das ist.

image

Modelfotografie anno 1968, mit Tuch über dem Fotografen.

image

Im Haus nebenan läuft der Fernseher – bedient über Knöpfe am Bildschirm. Oben wird ein Diktat per Schreibmaschine aufgenommen.

Das nächste Buch ist ein Flohmarktfund. Es entstand 2006 und heißt “So viele große und kleine Fahrzeuge”, geschrieben von Patricia Mennen, illustriert von Stephan Baumann.

image

Reporter mit Kameras und Kamerataschen bei einem Polizeieinsatz. Nur wenige Jahre vor der Geburt des Kindes änderten sich auch die Farben der Polizeifahrzeuge in unserem Bundesland zu blau-silber. Nachschauen kann man den Wechsel der Farben übrigens hier.

image

Leider sind auch neun Jahre nach Erscheinen dieses Wimmelbuchs längst nicht alle U-Bahn-Aufgänge so schön technisiert. Im Hintergrund einige kontemporäre Automarken. Jemand bringt einen Brief zur Post, jemand anderes liest ein Buch.

2011 entstand das “Winter-Wimmelbuch”, das erste aus einer Reihe von Rotraud Susanne Berner, die immer die gleiche Stadt in den verschiedenen Jahreszeiten zeigt.

image

Alltagstechnikfrust. Man beachte den Touchscreen und das PIN-Eingabe-Pad. (Der arme Mann hat übrigens auch im Frühling wieder Stress mit dem Automaten.)

image

Vor der Rolltreppe steht ein Mann und telefoniert mit seinem Handy. Im Hintergrund steht ein ICE. Einen Pressekiosk gibt es übrigens in allen drei Wimmelbüchern zu sehen.

image

Unten wird beim Frühstück die Zeitung gelesen, oben steht der Laptop (mit Maus) auf dem Tisch. Bei Mitgutsch hörte man im Mietshaus noch Musik über ein Grammophon, hier steht eine kompakte Anlage im Regal.