“Aber wenn’s doch nicht schadet”

An dieser Stelle möchte ich auf eine sehr unterstützenswerte Organisation aufmerksam machen, das Informationsnetzwerk Homöopathie. Die dahinterstehenden Menschen klären nicht nur mit Fachkompetenz, sondern auch mit unerschüttlicher Geduld und Empathie über Homöopathie auf. Hier wird nicht von oben herab auf Unwissende eingeredet, sondern versucht zu verstehen, warum Menschen zu diesen Mitteln greifen und warum es so schlimm ist, dass sie in Deutschland von Ärzten und Apotheken gleichermaßen geadelt werden.

Das INH sammelt derzeit auf Twitter Geschichten von Fällen, wo Homöopathie, die ja angeblich so nebenswirkungsfrei, sanft und sicher ist, tatsächlich Menschen geschadet hat. Hier ein sehr dramatischer Fall, der glücklicherweise gut ausging.

Ganz so schlimme Erlebnisse hatte ich bisher nicht, aber eine Begegnung mit der in meinem Fall sehr unsanften “Alternativmedizin” ist mir noch gut im Gedächtnis.

Homöopathie in der Notfallambulanz

Im Sommer 2012 bekam ich an einem sehr heißen Wochenende auf einer Geburtstagsfeier einen kratzigen Hals. Was ich erwartete, war eine aufziehende Erkältung, was ich bekam, waren so schlimme Halsschmerzen, dass ich frühzeitig nach Hause ging und mich hinlegte. Am nächsten Tag war mein Hals so entzündet, dass selbst das Schlucken des eigenen Speichels zu viel war – ich spuckte ihn stattdessen in einen Eimer.

Wegen einer Erkältung gehe ich normalerweise nicht zum Arzt und erst recht nicht ins Krankenhaus (und ihr solltet das bitte auch nicht tun), doch es war Sonntag und die Schmerzen kaum noch auszuhalten. Also bat ich meinen Mann, mich in das nächste Krankenhaus mit Notfalldienst zu fahren. Mit aller Geduld, die ich noch aufbringen konnte, wartete ich, bis ich an der Reihe war.

Die diensthabende Ärztin stellte sich mir vor – und rollte erst einmal eine Ledermappe vor mir aus. Inhalt: eine sorgsam erstellte Sammlung von Glasröhrchen mit Zuckerkugeln.

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CC0 Creative Commons

Verdammt.

Wäre es mir möglich gewesen, hätte ich wohl geschluckt. Hier saß ich, mein Hals stand mehr oder weniger in Flammen, und die Person, die mir doch helfen sollte, hatte in meinen Augen jegliche Vertrauensbasis zwischen Ärztin und Patientin ausradiert.

“Ich, äh, ich möchte keine homöopathischen Mittel”, brachte ich hervor. Sie schaute mich überrascht an. Eine derartige Gegenwehr war sie wohl nicht gewohnt. Die üblichen Argumente kamen, wer heilt hat recht, kann ja nicht schaden, und so weiter. Ich blieb standhaft. “Das mag alles sein, aber ich halte davon nichts und möchte daher damit nicht behandelt werden.” An ihrem Gesichtsausdruck sah ich, dass ich einen schwerwiegenden Fehler gemacht hatte.

Jetzt war ich keine Patientin mehr, die Mitgefühl und Hilfe verdiente, sondern eine Ketzerin, jemand, der ihre Kompetenz ankratzte und sich wohl auch noch anstellte – denn wären meine Schmerzen wirklich so schlimm, würde ich ja wohl alles tun, um sie zu beenden.

Keine Globuli – kein Mitleid

Ab diesem Zeitpunkt behandelte mich die Ärztin schroff und distanziert. Für sie bestand kein Zweifel: ich simulierte. Für eine Angina fehlten Symptome, teilte sie mir mit,  ich hatte kein Fieber, keine geschwollenen Lymphknoten. Ja, stimmte ich zu, gerade deswegen sei ich ja hier. Diese aus dem Nichts kommenden und starken Schmerzen würden mich sehr beunruhigen. “Ich glaube Ihnen. Keine Sorge, Sie bekommen Ihre Antibiotika schon,” blaffte sie – und würde dies noch mehrfach wiederholen. Dass ich nur dann Antibiotika wollte, wenn eine bakterielle Infektion vorlag, erwähnte ich schon gar nicht mehr. Ich wollte nur noch heil hier heraus.

Die Ärztin fragte ich, ob ich Medikamente nähme und ich sagte, bis auf meine Hyposensibilisierung gegen meine Stauballergie, die ich am Freitag erhalten hatte, nichts. Ein Schnauben sollte mir wohl klar machen, wie wenig sie davon hielt. Dort, obwohl ich bisher keinerlei solche Nebenwirkungen erlebt hatte, vermutete sie die Ursache meiner mysteriösen Halsschmerzen.

“Aber bislang ist so etwas doch noch nie passiert.”
“Der menschliche Körper ist kein Auto! Man kann nichts drücken und dann erwarten, dass immer dasselbe passiert!” wurde ich belehrt und auf eine Liege bugsiert. Sie machte sich daran, mir etwas aus einem Beutel intravenös zu verabreichen, Fenistil, ein Antihistaminika.  Ich konnte nur vermuten, dass sie die Halsschmerzen für eine allergische Reaktion hielt, denn eine Erklärung für die Wahl des Mittels bekam ich nicht. Der Schweiß brach mir aus. Seit einem traumatischen Erlebnis als Kind im Krankenhaus machen mir Kanülen Angst.

Ohnehin bereits völlig eingeschüchtert warf ich ein: “Nur eine Warnung: ich bin etwas empfindlich, was Nadeln angeht, daher kann es sein, dass ich mich erschrecke. Nur dass Sie es wissen.” Schweigen. Als die Nadel in meinen Handrücken fuhr, zuckte ich, wie vorhergesehen. “Nun stellen Sie sich doch nicht so an!” war die Reaktion und inzwischen liefen mir  die Tränen über das Gesicht.

Erst nachdem ich bereits an der Kanüle hing, fragte sie mich, ob ich alleine gekommen wäre. Glücklicherweise konnte ich dies noch verneinen, bevor mir von dem Mittel zunehmend schwindlig wurde. Autofahren wäre in diesem Zustand unmöglich gewesen. Als der Beutel leer war, wollte ich diese Praxis nur noch verlassen, nahm ein Rezept in Empfang, ohne es zu lesen und ließ mich benommen von meinem Mann in unseren Wagen führen. Dort wurde ich von dem Fenistil immer erschöpfter, die Schmerzen aber gleichzeitig immer schlimmer und so weinte ich den ganzen Weg nach Hause. Die verschriebenen Paracetamoltabletten halfen kaum – am nächsten Tag erklärte mir mein völlig entsetzter Hausarzt, dass es für diesen Zweck auch die falschen gewesen waren.

Wer mir also erzählen möchte, dass Homöopathinnen und Homöopathen sich ja immerhin Zeit lassen, um ganzheitlich und sanft auf Patienten einzugehen – das tun sie anscheinend nur, wenn sich die Patienten auf das Märchen der allheilenden Globuli einlassen. Ungläubige verdienen keine sanfte Behandlung.

Ihr habt auch so eine Geschichte? Schreibt sie dem Netzwerk:

 

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what if

Auf Twitter folge ich seit neuestem einigen Bloggerinnen, die nicht nur meine TL sehr bereichern, sondern sehr viel aktiver bloggen, als ich (was nicht besonders schwierig ist, ahem). Derzeit geht ein Blogstöckchen/Blogparade zum Thema “was wäre wenn du alleinerziehend wärst”. herum, was ich als Anlass nehme, dieses schlimm vernachlässigte Blog zu füllen.

Ich habe versucht, die hypothetischen Fragen mit dem größtmöglichen Respekt zu behandeln. Für mich ist das nur ein Gedankenspiel und ich habe natürlich keine Ahnung, was im Fall der Fälle wirklich auf mich zukäme. Höchstwahrscheinlich sind dies also nur völlig unrealistische Vorstellungen.

1. Wie war Deine Vorstellung von Familie vor Familie? Wieviel ist wahr? Was ist komplett anders geworden?
Ich hatte keine Vorstellung. Für mich war Familie etwas, was passiert oder auch nicht. Ich war mir lange nicht mal sicher, ob ich das überhaupt möchte und habe vermieden, darüber nachzudenken. Ganz früher (TM) habe ich mir das so vorgestellt, wie es bei uns zuhause war, verheiratet (check), zwei Kinder (eins) und wohl auch mit Haus und Garten und den Eltern, die nachmittags zu Hause sind. Wohnung in der Vorstadt mit Nachmittagsbetreuung finde ich aber weder nachteiliger noch weniger wert.

2. Wie ist das Familien- und Arbeitsleben bei Dir aufgeteilt? Wer leistet wieviel in welchem Bereich: Haushalt, Kinder (Begleitung / Bringen zu Aktivitäten, Arztbesuche etc), technische Aufgaben (Auto, Reparaturen), Kochen?

Die Verantwortungslast 50:50 zu teilen hat etwas gedauert, aber ich würde sagen, dass wir es inzwischen ganz gut hinbekommen. Erledigungen sind eine rein logistische Sache, es ist klar, dass  der/diejenige mit dem Halb- oder Dreivierteljob etwas mehr Zeit auf den Haushalt aufwendet, als der/die mit Vollzeit. Selbiges gilt für Bringen und Abholen, Termine am Nachmittag wahrnehmen usw. Eine lange Zeit war er derjenige, jetzt bin ich es wieder, das hat den großen Vorteil, dass die Routinen bei beiden sitzen. Von Frühstücksboxpacken bis zum Arzttermin gibt es nichts, wo hilflose Anrufe beim jeweils anderen nötig wären.

Es war einmal so, dass ich mehr organisiert habe, weil ich das angeblich besser konnte, aber als mein Mann dann eine Laufbahn im Projektmanagement einschlug, fiel mir dann auch mal auf, dass er so schlecht organisieren wohl doch nicht kann. Inzwischen benutzen wir geteilte Kalender auf Google. Kochen, Wäsche, Putzen usw. wird so erledigt, wie es anfällt. Das einzige, was ich meistens alleine erledige, sind die Pflichten rund um die Haustiere, denn die waren komplett meine Idee. Das ist auch der einzige Bereich, bei dem ich die Vokabel “Hilfe” noch benutze (und sie natürlich auch bekomme, wenn nötig). Und alles um’s Auto macht er, weil es auch auf ihn läuft und er marginal mehr Interesse daran hat, als ich.

3. Entspricht das aktuelle Familienleben Deiner „Wunschvorstellung“?
Ich habe erst herausgefunden, was die eigentlich sind, inzwischen würde ich sagen, ja, aber es war doch ein teils holpriger Weg dorthin.

4. Ab wann würdest Du Dich „alleinerziehend“ bezeichnen?
Ab dem Punkt, wo ich dauerhaft und auf unabsehbare Zeit auf keinerlei Unterstützung  im Alltag seitens meines Partners mehr zugreifen könnte.

5. Zu Zweit schafft man mehr, und es bleibt – im besten Fall – auch mehr Zeit für einen selbst übrig: Was würdest Du als erstes streichen (müssen), wenn als Single-Elter die Zeit nicht mehr reicht? Wo wärst Du am ehesten bereit Abstriche zu machen?
Ich denke, alles, wo ich mehr als einen Tag außer Haus bin, würde wegfallen und viele, wenn nicht alle Aktivitäten, wo ich abends nicht hier in der Wohnung bin (singen, Kino usw.). Ich weiß, dass ich Singen als seelenhygienische Maßnahme brauche und wäre wohl bereit auf den Rest zu verzichten, wenn ich dies weiter erhalten könnte.

6. Müsstest Du als Single-Elter Abstriche beim Job machen (z.B. wegen Kinderbetreuung)?
Nur bei Krankheitsfall, ansonsten so, wie es sich im Moment eingespielt hat, nicht. Noch vor einem Jahr hätte das anders ausgesehen. Inzwischen habe ich auch ein gutes lokales Netzwerk geknüpft, das einspringt, wenn ich wegen eines Zwischenfalls nicht pünktlich abholen könnte.

7. Wo werden die Kinder im Fall einer Trennung bleiben? Mutter oder Vater? Welches Modell (Wechsel, Nest, Ferien) wünschst Du Dir?
Unser favorisiertes Modell ist wohl eine Art WG zu gründen, wenn das die emotionale Lage zulässt, oder in sehr nahen Wohnungen, ggfs im selben Haus, zu leben. Mein Kind nur am Wochenende zu sehen wäre für mich eher denkbar, als für den Vater, aber vermeiden würde ich das auch gerne. Ich musste “Nest” googeln, das kannte ich auch nicht. Wenn das finanziell zu stemmen wäre, eine gute Lösung für uns.

8. Wie würde sich das Alleinerziehend sein auf die Finanzen auswirken? Hast du Angst, finanziell „abzurutschen“ als Single-Elter?
Es wäre sehr weniger Geld als jetzt, aber nicht sehr viel weniger als noch vor einiger Zeit, ich würde also klarkommen.

9. Was ist mit Kindesunterhalt? Würdest Du anstandslos zahlen bzw. würde es anstandslos gezahlt?
Wenn der zahlungspflichtige Elter nicht zahlt: Gang zum JA für Unterhaltsvorauszahlung?
Ja. Und ja. Und ja. In unserem Fall müsste schon sehr vieles im Argen liegen dafür.

10. Vorausgesetzt ihr seid verheiratet: Würdest Du Trennungsunterhalt verlangen/ zahlen?
Da müsste ich mich mal informieren, was das überhaupt bedeutet.

11. Müsstet ihr umziehen?
Einer müsste ausziehen, denn die Wohnung ist zu klein, um als getrenntes Paar hier zu leben. Da die Tiere leider auch recht viel Platz brauchen, wäre es wohl einfacher, er zieht aus (sorry), oder dass wir diese Nestlösung schaffen – bei den Mietpreisen in der Gegend allerdings eher utopisch.

12. Was glaubst Du, wie schnell schafft Ihr es, von der Paar-Ebene auf die reine Eltern-Ebene zu wechseln? Wie gut würde es Dir gelingen und wie gut Deiner*m Partner*in?
Das kann ich nicht sagen. Ich hoffe einfach, dass wir es nicht ausprobieren müssen.

13. Sorgerecht ist ja – sofern nicht Schlimmes vorgefallen ist – unkritisch, also nicht wirklich verhandelbar. Wie würdest Du das umgangsrecht regeln wollen: Vereinbarung unter Eltern, in Absprache mit dem JA, in Absprache mit einem Anwalt, gerichtlich?
Im Bestfall Vereinbarung unter uns. Ich würde jetzt behaupten, ein Anwalt wäre umnötig , aber man kann ja nie etwas ausschließen.

14. Würdest Du das alleinige Sorgerecht wollen, wenn die Kinder bei Dir bleiben? Würdest Du es dem anderen Elter „zugestehen“? (sehr hypothetische Frage)
Nein, das würde ich nicht wollen, es sei denn, es wäre etwas so Schlimmes geschehen, dass es seine Kompetenz als Vater in Frage stellt.

15. Weißt Du, was eine Sorgerechtsvollmacht ist?
Ja, aber wir haben uns noch nicht darum gekümmert – das wird jetzt Zeit, besten Dank für die Erinnerung.

16. Was sind generell Deine größten Ängste hinsichtlich des Ein-Elter-Daseins (z.B. finanziell/ Job), organisatorisch, bzgl. der Kinder, Selfcare)?
Soziale Isolation und emotionaler Kontrollverlust. Als Alleinerziehende wäre ich definitiv überfordert und darunter würde das Kind früher oder später leiden.

#aufaugenhöhe – auch 2016

Lieber Andreas,

heute spülte mir Twitter dies auf die Timeline.

 

Ich folgte dem Link, las ihn und tippte erst einmal mindestens eine halbe Stunde in Rage vor mich her. Dann erst merkte ich, dass der Blogpost, den du dort verlinkst, schon anderthalb Jahre alt ist. Und das Leute schon ausführlich darauf geantwortet haben. Wie Mama Notes zum Beispiel. Eine ganze Blogparade entstand, #aufaugenhöhe – die hab ich verpasst. Und du wohl auch.

Denn heute du verlinkst denselben Blogpost noch einmal. Unverändert. Vielleicht ist das ja auch nur ein Missverständnis. Vielleicht ist auch nur dein Twitterprogramm so eingestellt, dass es immer mal wieder ältere Links streut. Aber es wird Leute geben, die den Eintrag lesen. Und vielleicht ausdrucken und ihren Frauen hinlegen, wie du es vorschlägst. Und das möchte ich verhindern.

Auch anderthalb Jahre später ist die Situation immer noch dieselbe. Zwei Drittel der Arbeitszeit von Frauen ist unbezahlt – dazu zählt Kinderbertreuung und Haushaltsführung. Bei Männern ist es weniger als die Hälfte. Bei der Elternzeit hat sich auch kaum etwas getan. 80 % aller Väter, die Elternzeit nehmen, tun dies nur für 2 Monate. Haushalt und Kinder sind größtenteils weiterhin Frauensache. Dass viele Frauen (und auch viele Männer) diese Situation nicht zufriedenstellend finden, hast du im Feedback zu #aufaugenhöhe lesen können.

Auch ich sehe nicht ein, mich damit abzufinden, dass “Männer halt so sind”, wie du es schreibst:

” Wir haben bei vielen Dingen einen ganz andere Hemmschwelle als Frauen. Das muss genetisch sein.”

Gene sind eine tolle Sache. Es gibt Theorien, dass sogar Dinge wie die Tendenz zu Scheidungen genetisch veranlagt sein können (ich empfehle Interessierten an dieser Stelle immer die Bücher von Stephen Pinker). Aber obwohl ich mich als Lain gehörig aus dem Fenster lehne,  bin ich mir ziemlich sicher: Es gibt kein Gen, das leere Kühlschränke voll und volle Mülleimer als leer erscheinen lässt.

 

Alles andere ist eine Ausrede und auch dieser Brief ist nichts anderes, hübsch verpackt in Komplimente.  Wenn das “anbetungswürdige Geschöpf” namens Frau, das alles im Griff hat, nicht zur Arbeit ruft, dann wird wohl auch nichts sein. Und wenn die Göttin dann doch Hilfe von ihrem treuen Diener möchte, muss sie nur drei winzig kleine Dinge beachten:

“Wir sehen viele Aufgaben nicht, selbst wenn sie uns beißen.
Sagt uns was wir tun sollen und wir tun es.
Sagt es uns so, dass wir es verstehen.”

Frauen in einer derartigen Konstellation müssen sich nur leider wesentlich mehr als diese drei Dinge merken, denn auch wenn man jemanden zum Einkaufen abkommandiert, muss man sich ja erst mal grundsätzlich selbst merken, was gerade fehlt. Merken, wann das Kind vom Kindergarten geholt werden muss. Merken, wann die Waschmaschine gelaufen ist. Eine Liste, die ins Unendliche geht. Und wenn man müde ist oder hungrig oder einfach keine Lust auf diesen ganzen Kram hat, fällt uns Frauen das Merken genetisch kein bisschen leichter als Männern. Da landen diese drei Punkte höchstens auf Platz 334-336.

Daher, meine Bitte:

Liebe Männer, die diesen Brief auch im Jahr 2016 noch ausdrucken möchten, um ihn ihrer Frau vorzulegen:

Lasst es.

Wenn ihr euch nicht merken könnt, dass kein Brot mehr da ist, oder euer Kind abgeholt werden muss, dann liegt das nicht an eurem Männerhirn. Sondern daran, dass diese Dinge keine besonders hohe Priorität für euch haben. Werden im Radio die Staus durchgesagt, hört man bei der Autobahn der Gegenrichtung ja auch nicht mehr richtig zu.  Ich wette, zum Treffen mit Euren Freunden und ins Büro schafft ihr es meistens pünktlich und mit der richtigen Hose an. Und wenn ihr euch das wirklich, wirklich nicht merken könnt – dafür gibt es Kalender. Oder Apps. Oder einfach einen Zettel und einen Stift.

Dreht diesen unsäglichen Brief um und fangt direkt an.

 

bloggerfuerfluechtlinge

#bloggerfuerfluechtlinge – Glück

bloggerfuerfluechtlinge

Bevor ich dieses Blog für trivialere Themen (Film- und Buchrezensionen stehen an sowie ein paar Techniktagebuchbeiträge) wieder aus der Versenkung hole, ist es mir ein Anliegen zu einem weitaus weltbewegenderem Anlass zu schreiben.

Das Thema Flüchtlinge lässt mich seit Wochen nicht los, insbesondere nicht die Wellen der Intoleranz und Abneigung, die in Deutschland durch alle Netzwerke schwappt.

In einer Unterhaltung kam die Frage auf “war die Welt schon immer so voller Elend und Katastrophen und wir haben es nicht mitbekommen oder wird es tatsächlich immer schlimmer?”. Ich habe Schwierigkeiten bei solchen Fragen ruhig zu bleiben, denn die Fragestellung allein zeigt, wie ich finde, schon das Kernproblem.

Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Ich wurde in einem Land geboren, in dem etwa 30% der Bevölkerung arm sind, was schon eine erhebliche Verbesserung zu früheren Zeiten darstellt. Arm bedeutet, unter dem festgelegten Existenzminimum zu leben, ca. 340 € im Monat für eine vierköpfige Familie.  Pro Kopf verdient ein Durchschnittskolumbianer knapp unter 2000 € – im Jahr. Im Alltag heißt das: Wer es hier zu etwas gebracht, lebt beispielsweise mit seiner dreiköpfigen Familie in einer 60 m² Wohnung und fährt zur Arbeit in die Stadt, anstatt auf’s Feld, wie es die Eltern noch getan haben. “Man lebt bescheiden”, würde es ein deutscher Reisender beschreiben, aber das trifft es nicht – es ist keine noble Zurückhaltung oder eine Sehnsucht zur Ursprünglichkeit wegen der in bestimmten Kreisen hierzulande auf das Auto verzichtet oder das Brot selbstgebacken wird, es ist die Normalität.

Die Hauptstadt des Landes lag im Guiness-Buch der Rekorde lange auf Platz 1 für die höchste Kriminalitätsrate der Welt. Die Situation hat sich schon rapide gebessert, aber dennoch: Das Auswärtige Amt warnt bei Reisen nach Kolumbien stark vor den Grenzgebieten, die weiterhin fest in den Händen der Drogenmafia liegen. Eine Zeitlang starben die meisten kolumbianischen Männer an einer Schusswunde und nicht an einem Herzinfarkt, inzwischen ist diese Todesursache immerhin auf Platz 2 gerückt.

Warum nun dieser Exkurs?  Um zu zeigen, dass man nicht einmal in ein kriegszerrüttetes Land blicken muss, um zu sehen, in welchem Luxus wir leben, was wir als selbstverständlich empfinden.  Elektrizität und sauberes Wasser jederzeit auf  Knopfdruck. Fremdsprachen lernen. Nachts in der Großstadt als Schlimmstes zu befürchten, dass man die Bahn nach Hause verpasst. Bei Krankheit auf uneingeschränkte medizinische Versorgung zurückgreifen zu können.  Das, was wir als “schlimme Nachrichten” empfinden, Entführungen, Gewalt, Kriminalität, Hunger, ist in vielen Ländern seit Generationen schlicht und ergreifend Alltag.

Der einzige Grund, warum es nicht mein Alltag ist? Glück. Ich hatte das unfassbare Glück, als Baby nach Deutschland zu kommen und von einer deutschen Familie großgezogen zu werden. In Sicherheit aufzuwachsen, meine Ausbildung und meinen Beruf frei wählen zu können, stets umgeben von einem Netz, das mich bereit war aufzufangen. Werde ich bestohlen, kümmert sich die Polizei darum, ohne dass ich sie erst bestechen muss. Mein Kind habe ich in einem Krankenhaus mit ausgebildeten Ärzten unter erstklassigen hygienischen und medizinischen Bedingungen zur Welt gebracht. Mein Kühlschrank ist voll und Nachschub nur wenige Schritte von meinem Haus entfernt während mein Geburtsland weiterhin auf Platz 10 des Welthungerindexes steht.

Und nun strömen Menschen nach Deutschland die nur das wollen, was wir in Deutschland jeden Tag haben. Nicht unser Geld, nicht unsere Jobs, nicht die Smartphones oder Waschmaschinen, die Neider so schnell dabei sind, aufzuzeigen. Sie wollen lediglich nicht mehr in Angst leben müssen, dass ihr Kind im Kindergarten einem Anschlag zum Opfer fällt. Bei blauem Himmel an einen Ausflug ins Grüne denken und nicht daran, dass die Drohnen jetzt fliegen. Ein Postpaket mit Vorfreude öffnen und nicht in der grausigen Erwartung, dort die Körperteile eines entführten Verwandten vorzufinden – diese Geschichte einer ihrer Schüler erzählte mir die Lehrerin eines Deutschkurses für Flüchtlinge.

Dass ausgerechnet diesen Menschen Hass, Neid und Missgunst entgegenschlägt macht mich nicht nur traurig, sondern wütend. Ich habe nichts dazu beigetragen, in diesem Land aufgewachsen zu sein. Es war schlicht ein Zufall. Hätte es das Schicksal anders gewollt, hätte ich mit größter Wahrscheinlichkeit weder die Mittel noch die Gelegenheit diesen Beitrag zu schreiben. Denke ich an die Notfall-Blinddarmoperation in meinen späten Teenagerjahren, nehme ich sogar eher an, dass ich gar nicht mehr am Leben wäre. Dieser Zufall gibt mir nicht das Recht, mich an all die schönen Dinge und bequemen Umstände des Lebens in einer Industrienation zu klammern, wie Förmchen auf dem Kinderspielplatz und sie anderen Leuten zu verwehren, die nicht so viel Glück hatten, wie ich.

Viel kann ich nicht tun, außer versuchen ein wenig Zeit, ein wenig Materielles, ein wenig Engagement dafür zu investieren, diesen flüchtenden Menschen die Ankunft hier zu erleichtern, mit Vorurteilen aufzuräumen, ein Zeichen zu setzen wie es so viele andere Blogger und Bloggerinnen vor mir schon getan haben.

Hier ein paar Links, die in den letzten Tagen in meinen Tabs hängengeblieben sind:

Initiative #bloggerfuerfluechtlinge

Familengeschichte von Volker König

Deutlich sein von Pia Ziefle

Wir Weltbürger und Flüchtlingskinder von Kerstin Hoffmann

Jetzt lernen Sie meine Oma kennen – und meine Meinung von Kurzhaarschnitt

Weitere Links füge ich gerne hinzu. Mehr findet man noch bei Volker Königs Blogparade zum Thema.

Wer sich direkt in der Kölner Region engagieren möchte, erfährt mehr beim DRK oder den Johannitern und dem Twitteraccount @RefugeesRPKoeln.