12 Bilderbücher, die beim Vorlesen nicht nerven

Gleich zwei Anlässe für einen Blogeintrag:

1.  Diese Klickstrecke über nervige Bilderbücher der SZ, in der alle meine Hasskandidaten vereint sind (und die mich vor ein paar mehr vorwarnte)

2. Mein Post über 10 Bilderbücher für Kinder,  die auch Erwachsene gerne vorlesen ist inzwischen so lange her, dass ich die Vorlesempfehlung von “ab zwei” auf “ab drei” hochstufen muss.

Bevor wir ins Vorschulalter schlittern, also noch mal 12 Bücher, die auch wir Eltern gerne und oft vorlesen.

1. Sven Nordqvist: Wo ist meine Schwester?

Sven Nordqvist ist den meisten vorlesenden Eltern als Zeichner und Autor der “Pettersson und Findus”-Reihe bekannt, die hier und da ein bisschen surreal sind, aber größtenteils auf dem Boden der Realität bleiben (inwieweit das mit einer sprechenden Katze eben geht). In diesem übergroßen Bilderbuch hebt Nordqvist völlig in eine schräge Phantasiewelt ab. Jede einzelne Seite ist so detailliert, dass man gar nicht weiß, wo man zuerst hingucken möchte – und die Suche nach der Schwester des kleinen Trolljungen ist wirklich gar nicht mal so einfach. Das wuchtige Format ist unpraktisch für das Regal (und leider auch sehr teuer), dem Inhalt aber absolut angemessen. Dies ist kein Buch für zwischendurch, sondern braucht Zeit und Hingabe.

2. Tor Freeman: Pino Pfote, Päckchenbote & Pino Pfote – Ab die Post

Suchbücher gibt es inzwischen viele, doch die meisten sind nicht besonders einfallsreich. Anders als die zwei Bücher mit Pino Pfote, der Päckchen quer durch seine Stadt austrägt, wo die Empfänger und Empfängerinnen in Tropenhaus, Museum, Werkstatt und so weiter schon dringend auf ihre Lieferung warten. Freemans Bilder sind dabei voller Situationskomik und Anspielungen, an denen auch Erwachsene ihre Freude haben werden. Schön auch, dass sich das Buch weg von den üblichen Klischees bewegt. Rollen und Berufe sind kreuz und quer verteilt und auch die Suche nach den Gegenständen macht jedes Mal wieder Spaß, weil man fast immer etwas Neues entdeckt.

3. Hélène Lasserre: Tolle Nachbarn

Der Schafsjunge mit Brille wohnt in einem grauen Reihenhaus, mit lauter anderen Schafen. Doch als andere Tiere einziehen, wird das Haus lebendiger und bunter – auch wenn es durch die unterschiedlichen Bedürfnisse von Störchen, Krokodilen und Tigern jetzt Stress mit den anderen Schafen gibt. Als Zyniker könnte man dieses Buch wohl als gezeichnete Sozialromantik bezeichnen, aber gerade bei dem heutigen Diskussionsklima finde ich es dringend nötig. Unterm Strich handelt es vom aufeinander Zugehen und miteinander anstatt nur nebeneinander zu leben und ist dabei wunderschön detailliert gezeichnet.  Wie auch “Wo ist meine Schwester?”  besticht “Tolle Nachbarn” durch sein ungewöhnliches Format: es ist sehr hoch und schmal, was viel Platz für die vielen Stockwerke des Hauses lässt.Und wer mich sozialromantisch findet, weil ich schön finde, wie eine Kuh in einen Taucheranzug steigt, um mit den Nachbarsfischen Zeitung zu lesen – bitteschön.

4. Quentin Blake: 1, 2, 3, wo ist der Papagei?

Die Illustrationen von Quentin Blake mochte ich als Kind in den Büchern von Roald Dahl schon gerne und freute mich daher, ihn als Illustrator von Bilderbüchern in der Bibliothek wiederzutreffen. “1, 2, 3, wo ist der Papagei?” ist leider ansonsten nur gebraucht erhältlich, aber schon seit dem ersten Besuch in der Bücherei ein immer wieder geliehener Klassiker geworden. Professor Dupont sucht seine zehn Papageien, auf jeder Doppelseite in einem anderen Zimmer seines Hauses. Er selbst sieht sie nicht, der Betrachter des Bildes aber schon, was unser Kind sehr amüsiert. Dazu ist der Professor auf die typische Blake-Art etwas schräg und schrullig, was wiederum uns Vorlesenden gefällt.

5. Petr Horacek: Kleiner blauer Pinguin

Eine Geschichte vom Anderssein, ein Gefühl, das wohl jedes Kind einmal hat. Der Pinguin ist blau, fühlt sich aber trotzdem einfach als ein Pinguin, etwas, was die anderen Pinguine um ihn herum nicht verstehen, denn für sie gehört er nicht zu ihnen. Das Buch findet einfache, schon für kleine Kinder verständliche Worte um die Emotionen des blauen Pinguins zu beschreiben und bleibt gleichzeitig so abstrakt, dass das, was den Pinguin eben anders macht, stellvertretend für vieles im Kinderleben stehen kann. Es zeigt, wie wichtig Freundschaft ist und dass sie zunächst ausweglos scheinende Situationen besser machen kann. Dazu ist es sehr schön illustriert.

6. Annette Langen, Frauke Bahr: Carlotta – Hurra, mein Bruder ist da!


Das Buch klingt zunächst, wie die meisten Geschwisterbücher: das große Geschwisterkind freut sich, ist dann erst enttäuscht und wächst dann schließlich in seine neue Aufgabe hinein. Was das Buch aber besonders macht, ist seine Protagonistin, die mal nicht das übliche brave und vernünftige Mädchen aus den meisten deutschen Bilderbüchern ist. Abgesehen davon, dass endlich mal eine Hauptfigur keine helle Haut hat, ist Carlotta einfach ein authentisches kleines Kind mit Ecken und Kanten, das sich auch mal so richtig daneben benimmt. Da kann Conni einpacken, wir halten Ausschau nach den anderen zwei Carlotta-Büchern.

7. Eric Carle: Do you want to be my friend? / Die kleine Maus sucht einen Freund

Eric Carle kennen wohl fast alle Eltern als Illustrator der kleinen Raupe Nimmersatt. Er hat noch viele weitere Kinderbücher geschrieben, die fast alle sehr empfehlenswert ist. Auf die englische Ausgabe des Buchs mit der kleinen Maus, die einen Freund sucht, stießen wir zufällig in einem Kindercafé. Durch die ständige Wiederholung der Frage der Maus (“do you want to be my friend?”) ist es auch auf Englisch für Kindergartenkinder verständlich. Und am Schluss gibt es sogar einen kleinen Überraschungseffekt.

8. Nicholas Odland: Mach mal Pause, Biber

Ein Biber weiß beim Nagen nicht, wo er aufhören soll und bringt durch seine Arbeitswut den Wald, seine Freunde und schließlich sich selbst in Gefahr. Ein durchaus etwas skurriles Buch, bei dem ich mit meinem Mann ausnahmsweise unterschiedlicher Meinung bin, er hält es für eher seltsam und nicht schön illustriert – es ist also Geschmackssache. Ich finde es witzig und auch die Botschaft gut: lieber vorher nachdenken und auch mal eine Pause machen. Ein Buch, dass sich auch manche Erwachsene gerne mal zu Herzen nehmen dürfen.

9. Oliver Jeffers, Sarah Haag: Der unglaubliche Bücherfresser

Ich mag es ja, wenn Kinderbücher mal nicht knuddelig-niedlich getrimmt sind, sondern richtige Kunstwerke sind. Dieses Buch über das Lesen ist mit sehr hochwertigen Zeichnungen illustriert, die teilweise auf Buchseiten und Buchrücken entstanden und auch so bei uns an der Wand hängen könnten. Es handelt von Henry, der Bücher frisst, um schlauer zu werden und irgendwann darauf kommt, dass es anders besser geht. Das Buch lebt vor allem durch seine Illustrationen und auch das Format – eine Kante ist herausgebissen, was unsere Dreijährige immer wieder lustig findet.

10. Reihe: “Frag doch mal die Maus” – Erstes Sachwissen

Wenn das Kind für “Was ist was” noch zu klein ist, aber zu der Sorte  gehört, die ständig fragt “wie funktioniert das” und “warum”, ist diese Buchreihe genau richtig. Es gibt eine ähnliche Serie von Ravensburger, doch dort schwankt die Qualität je nach Thema sehr stark und ich mag den Stil der “Maus”-Reihe lieber. Genau wie auch die Fernsehmaus es seit Jahrzehnten vorbildlich macht, werden hier Sachthemen kindgerecht aufgearbeitet und in Büchern mit vielen Klappen und Extras wie zusätzlichen Spielen verpackt. Für eine längere Bahnreise habe ich uns das Eisenbahnbuch gekauft und wirklich alle Fragen meiner Tochter beantworten können. Bisher hatten wir noch kein Buch aus der Reihe in der Hand, was uns enttäuscht hat.

11. Jane Hissey: Kleine Bären-Bücherei

Ein Speicherfund, den es nur noch gebraucht zu kaufen gibt. Die Box enthält drei Bücher mit den Abenteuern eines kleinen, aufgeweckten Plüschbären mit roter Hose und seinen Freunden aus dem Kinderzimmer. Die Geschichten sind kunstreich illustriert und etwas länger, aber gepaart mit den detaillierten Bildern durchaus innerhalb der Konzentrationsspanne aufgeweckter Dreijähriger. Es passieren spannende Dinge und vor allem nichts wirklich Bedrohliches in dieser wunderschön gezeichneten Retro-Welt voller Chintz und Blümchentapeten. Die Illustratorin Jane Hissey erweckt mit ihren liebevollen Büchern bereits seit 30 Jahren  ihren eigenen Teddybären und die Stofftiere ihrer Kinder zum Leben.

12. Max Kruse & Günther Jakobs: Urmel-Reihe

Die Geschichten um das Urzeittier Urmel auf der Insel Titiwu sind seit Generationen ein geliebter Kinderbuchklassiker. Unser Kind lernte sie durch ein Hörspiel kennen, ist zum Vorlesen der Buchversion aber noch zu klein. Die Bilderbuchversion ist für das Alter ab drei genau richtig: Die Geschichten sind kurz, aber nicht banal und Jakobs Zeichenstil schafft es, den Charme der Vorlage beizubehalten und sie gleichzeitig sanft zu modernisieren, ohne sie glattzubügeln. Wir haben bisher “Urmel sucht den Schatz” und “Urmel und die Schweinefee” gelesen, welche beide schnell zu Familienfavoriten wurden.

12A. Astrid Lindgren: Die Kinder aus Bullerbü

Wie schon bei der letzten Liste ist dieses Buch außer Konkurrenz gelistet, da es kein Bilderbuch ist und eigentlich für ältere Kinder gedacht ist. Die Kapitel sind allerdings so kurz gehalten, dass sie durchaus auch schon im Kindergarten vorgelesen werden können. Auch hier baut sich Spannung in Alltagssituationen auf, beispielsweise wenn Inga und Lisa einkaufen gehen und immer wieder vergessen, was sie kaufen sollen. Außerdem gibt es für die Feiertage wie Ostern und Weihnachten Geschichten, die man in dieser Zeit dann vorlesen kann.

Was sind eure Lieblingsbücher? Was lest ihr gern vor, was geht gar nicht? Ich hoffe, ihr konntet wieder ein paar schöne Buchempfehlungen mitnehmen, man kann es nicht oft genug sagen: auch kleine Kinder verdienen gut gemachte Bücher.

Auf den Bildern liegen sogenannte Affiliate-Links, d. h., solltet ihr das Buch über diesen Link kaufen, fällt eine winzige Provision für mich ab. Ich setze Affiliate-Links grundsätzlich aus eigener Motivation und nur für Produkte, die ich uneingeschränkt empfehle.

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Alltagstechnik in Wimmelbüchern

Seit heute schreibe ich beim Techniktagebuch mit, ein Umstand, der mich sehr freut.

Das Techniktagebuch sammelt interessante Begegnungen mit der Alltagstechnik, früher sowie heute (was ja dann irgendwann einmal früher ist). Und sucht immer GastautorInnen, also schaut es euch einmal an.

Zuletzt schrieb ich dort über ein Literaturgenre, um das mal als halbwegs involviertes Elternteil nicht herumkommt: Das Wimmelbuch. Zuerst veröffentlicht hier im Techniktagebuch.

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Mein letzter Beitrag inspirierte mich dazu, bei der abendlichen Lesestunde nach Alltagstechnik in den Lieblingswimmelbüchern meines Kindes Ausschau zu halten. Dank bibliophiler Großeltern haben wir auch noch ein gut erhaltenes Wimmelbuch aus meiner eigenen Kindheit im Repertoire.

Die teilweise auftretende Unschärfe entschuldige ich mit meiner Handykamera und der recht geringen Größe mancher Zeichnungen.

Das erste Buch entstand im Jahr 1968, “Rundherum in meiner Stadt” von Ali Mitgutsch – das erste deutsche Wimmelbuch überhaupt, wie mir das Internet verrät. Es wird heute immer noch aufgelegt.

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In Ali Mitgutschs Stadt verkauft ein Mann Zeitungen auf der Straße. Ich verbinde solche Bilder immer mit den Rufen “Extrablatt, Extrablatt!” obwohl in meiner Kindheit so etwas schon längst passé war.

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Im Freibad liest man die gekaufte Zeitung und jeder hat sein Transistorradio dabei. Meinem Kind werde ich wohl erklären müssen, was das ist.

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Modelfotografie anno 1968, mit Tuch über dem Fotografen.

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Im Haus nebenan läuft der Fernseher – bedient über Knöpfe am Bildschirm. Oben wird ein Diktat per Schreibmaschine aufgenommen.

Das nächste Buch ist ein Flohmarktfund. Es entstand 2006 und heißt “So viele große und kleine Fahrzeuge”, geschrieben von Patricia Mennen, illustriert von Stephan Baumann.

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Reporter mit Kameras und Kamerataschen bei einem Polizeieinsatz. Nur wenige Jahre vor der Geburt des Kindes änderten sich auch die Farben der Polizeifahrzeuge in unserem Bundesland zu blau-silber. Nachschauen kann man den Wechsel der Farben übrigens hier.

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Leider sind auch neun Jahre nach Erscheinen dieses Wimmelbuchs längst nicht alle U-Bahn-Aufgänge so schön technisiert. Im Hintergrund einige kontemporäre Automarken. Jemand bringt einen Brief zur Post, jemand anderes liest ein Buch.

2011 entstand das “Winter-Wimmelbuch”, das erste aus einer Reihe von Rotraud Susanne Berner, die immer die gleiche Stadt in den verschiedenen Jahreszeiten zeigt.

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Alltagstechnikfrust. Man beachte den Touchscreen und das PIN-Eingabe-Pad. (Der arme Mann hat übrigens auch im Frühling wieder Stress mit dem Automaten.)

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Vor der Rolltreppe steht ein Mann und telefoniert mit seinem Handy. Im Hintergrund steht ein ICE. Einen Pressekiosk gibt es übrigens in allen drei Wimmelbüchern zu sehen.

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Unten wird beim Frühstück die Zeitung gelesen, oben steht der Laptop (mit Maus) auf dem Tisch. Bei Mitgutsch hörte man im Mietshaus noch Musik über ein Grammophon, hier steht eine kompakte Anlage im Regal.

Die bizarre Welt der Kinderliteratur

Über den seit ein paar Jahren grassierenden Wahn, Produkte für Kinder in rosa und blaue Sortimente zu unterteilen, um doppelt so viel Geld zu machen gibt es inzwischen so viele gute Posts, dass ich mir die Mühe spare und euch einfach weiterverlinke

http://dasnuf.de/zeug/nicht-oder-nicht-oder-und-und/

http://cloudette.net/2014/09/04/madchen-oder-junge-oder/

http://www.stilhaeschen.de/?p=2478

Nun hat die Verfasserin des ersten Artikels darum gebeten, einmal die Augen nach ebensolchen Produkten aufzuhalten. Beim heutigen Einkauf lief ich prompt hieran vorbei:

 

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Bei Amazon schaute ich nach der Inhaltsangabe und stellte fest, dass hier weitaus mehr zu entdecken gab, als die ärgerliche Jungs/Mädchenaufteilung.

Wer das Angebot für ein Schnäppchen hält (immerhin nur 2 Cent pro Geschichte), sollte zuerst bedenken dass 365 nur durch eine sehr großzügige Zählung zusammenkommt, bei der auch Abzählreime wie “Häschen in der Grube” eine Geschichte ist.

In beiden Büchern finden sich ganz klassische Kinderlieder und Märchen, die seit Jahrhunderten sowohl Mädchen als auch Jungen vorgelesen werden, oft auch in beiden Bänden abgedruckt. Ein weiterer Beweis dafür, dass hier nur den Eltern das Geld zweimal aus der Tasche geleiert werden soll.

Ansonsten die übliche Trennung. Bei den Mädels kann man über “Ballerina Bella”  und “Tessa, die schusselige Tierärztin” lesen (“… und dann hab ich meine Armbanduhr IN DER KUH VERLOREN”), bei den Jungs begegnet man “Freddy, dem furchtlose Feuerwehrmann” und “Harry, dem hurtigen Handwerker” – mangelnder Realismus ist bei Kinderbüchern ja nun wirklich keine Seltenheit. Angesichts des Alliterationstornados frage ich mich, ob sich hierein RTL2-Reality-Soap-Texter ein Zubrot verdient hat.

Andere Titel lassen Schlimmes ahnen:

“Frau Beckers Becken” (oder: “Die 10 besten Orthopädenwitze”)

“Stinki” (“Wie ich trotz Körpergeruch Freunde fand”)

“Der kleine Mischling Monty” (Bitte, bitte, lass Monty ein Tier sein)

“Schwänzchenjagd” (…)

 

Meine Produktempfehlung: Anzünden und schnell weglaufen.