Ponies, Metaphern, Replikanten

Diese Woche war ich nicht in einem, nicht in zweien, sondern in gleich drei aktuellen Filmen, ein höchst seltenes Ereignis der letzten Jahre. Dreimal Kino, drei höchst unterschiedliche Filme – hier meine Kurzrezensionen.

MY LITTLE PONY (9/10)

Die Punktevergabe ist ein wenig voreingenommen, denn es war der erste Kinobesuch zu dritt und somit der erste Kinofilm für das Kind und daher ein ganz besonderes Ereignis – eine dicke rosarote Brille muss also eingerechnet werden. (Mein erster Kinofilm war übrigens dieser hier). Dennoch haben sich auch die drei anwesenden Erwachsenen sehr gut unterhalten. Von einem Franchise mit so viel Merchandisedurchlauf erwartet man meistens nicht viel, seichte Zusatzbeschallung, die Käufe anregen sollen. Das ist bei MY LITTLE PONY absolut nicht der Fall, weder in der Serie, noch im ersten Kinofilm. Die Geschichte ist spannend, die Charaktere haben alle Tiefe, selbst die Lieder sind nicht besonders nervig (dass ich in diesem Leben einen Villain-Song von Maite Kelly hören würde, hätte ich auch nicht gedacht). Vor allem stimmen die Botschaften:  Haltet zusammen, verurteilt nicht nach Aussehen, es ist okay, wenn ihr auch mal Fehler macht. Zudem gibt es für Erwachsene fast in jeder Szene irgendeine popkulturelle Referenz oder Situationskomik, es ist also keineswegs langweilig.

MOTHER! (6/10)

Ich habe ihm genau die Mittelpunktzahl plus Bonus für Jennifer Lawrence wirklich gute Schauspielleistung gegeben, weil ich ihn einfach nicht so richtig einsortieren kann. Ich glaube, hier hätte der Film mir ausnahmsweise besser gefallen, hätte ich gewusst, worum es geht. So musste ich es erst herausfinden, und der Weg dahin ist nicht unbedingt sehr unterhaltsam und oft zäh. Wenn ihr lieber wissen wollt, was ihr da auf der Leinwand seht: lest durch, was die Bedeutung ist, der Regisseur hat es bereits dargelegt. Vieles passt für mich trotzdem nicht, ein weiterer Grund für die mittelmäßige Bewertung. Die Frage bleibt: Muss man das so machen? Ich weiß es nicht. Gut gespielt  und inszeniert ist er ohne Zweifel, aber wie alle abstrakte Kunst ist es eben auch Geschmackssache. Ich kann seine künstlerische Qualität anerkennen, nochmal sehen und alles entschlüsseln möchte ich ihn aber nicht.

BLADE RUNNER 2049 (10/10)


Es muss für einen Film sprechen, wenn man ihn in einem Saal mit über hundert lärmenden Teenagern gesehen hat und ihn trotzdem gut findet. (An dieser Stelle: Liebe Lehrer, was sollte das? Die Schüler*innen waren offensichtlich gelangweilt, müde und überfordert, was ich ihnen auch nicht ankreide. Ich verstehe nicht, warum man sie dann mitten in der Woche um 21 Uhr in ein Programmkino zu einem solchen Film schleift, ohne eine Sondervorstellung abzumachen.) Eine sinnvolle Fortführung, die visuell und auch durch ihre Musik direkt Eindruck schafft, diesen durch einen guten Plot und hervorragende Darsteller auch halten kann. Der Film vermeidet nicht nur Klischees eines Sequels nach so langer Zeit, er spielt auch gekonnt mit ihnen. Sehenswert, und ich würde auch behaupten, wer den ersten Film nicht kennt, ist hier gut unterhalten.

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Fantasy Filmfest 2017: I REMEMBER YOU & Fazit


Mein letzter Film des diesjährigen Fantasy Filmfest und gleichzeitig mein zweites Highlight ist die Verfilmung eines Krimis mit Geisterlementen aus Island. Ein Film, über den ich einmal wieder eigentlich nicht viel schreiben möchte, da man ihn am besten unvoreingenommen sehen sollte.

Wie auch das Buch läuft der Film über zwei Handlungsstränge. Einmal forscht der Arzt Freyr (Jóhannes Haukur Jóhannesson) mysteriösen Todesfällen nach, bei denen die Toten seltsame Wunden in Kreuzform auf dem Rücken davontragen. Dann verbringt Katrin (Anna Gunndís Guðmundsdóttir), die mit ihrem Mann und einer Freundin ein Bed & Breakfast in einer verlassenen Fjordsiedlung eröffnen möchten, dort immer gruseliger werdende Nächte. Beide tragen ihre Sorgen mit sich herum – das nie aufgelöste Verschwinden von Freyrs Sohn hängt ihm immer noch nach. Auch Katrin hat ein Kind verloren und versucht zudem, ihre bröckelnde Beziehung zu kitten.

I REMEMBER YOU lebt von seinen Charakteren, deren Geschichten man unbedingt erfahren möchte. Durch die geschickt wechselnden Perspektiven der zwei Hauptcharaktere bleibt die Spannung erhalten. Dazu kommt noch das kalte und unheimliche Setting des verlassenen Hesteyrarfjörður – hier hätte der Film gar nicht so mit Blaueffekten und düsterer Musik auffahren müssen, wie er es oft getan hat, sondern sich einfach auf das, was sowieso schon da war, verlassen können. Das ist auch der einzige Grund für meinen Abzug für diesen ansonsten perfekt inszenierten Horrorthriller, dessen Grauen sich erst langsam beim Zuschauen entwickelt und den man mit neugewonnenem Wissen eigentlich sofort nach dem Abspann noch einmal schauen will. Ich habe mir gleich danach das Buch bestellt, auf dem der Film basiert (Affiliatelink).

9/10 Polarfüchsen

Das war das Fantasy Filmfest 2017 für mich

Gesehene Filme: 12

Durchschnittspunktzahl: 6,75

Am meisten gegruselt bei: IT

Am meisten gegähnt bei: THE VAULT

Am meisten gelacht bei: MY FRIEND DAHMER

Zufälliges Oberthema: Coming of Age und verschwundene Kinder

Alle Rezensionen finden sich hier.

Fantasy Filmfest 2017: BLADE OF THE IMMORTAL (8/10)

There is a man somewhere in Edo who will not die.

Manji (gespielt vom in Japan wohl sehr berühmten Takuya Kimura)  war einmal ein Samurai und verdiente sich den Namen des “Hundred Killers” – doch jetzt ist er des Lebens und Kämpfens müde und kann nicht sterben. Durch einen Fluch leben Blutwürmer in seinem Körper, die ihn immer wieder zusammenheilen, ob er will oder nicht. Da bittet ihn das junge Mädchen Rin (Hana Sugisaki, ihr bei ihrer Rache zu helfen: Der Schwertkämpfer Anotsu  (Sōta Fukushi) will alle Kampfschulen Japans unter seiner Führung vereinen. Die Dojos, die sich weigerten mitzumachen, wurden inklusive ihrer Besitzer von Anorak und seinen Anhängern niedergemacht – auch das von Rins Eltern. Manji hat auf Rachefeldzüge eigentlich nur wenig Lust. Doch dann macht er sich mit Rin auf die Reise und schnetzelt sich auf der Suche nach Anotsu durch das antike Edo.

BLADE OF THE IMMORTAL basiert auf einem  Manga von Hiroaki Samura und ist von Regisseurlegende Takashi Miike verfilmt worden, beides Bereiche, mit denen ich eher zufällig in Berührung komme. 13 ASSASSINS hätte ich beim Fantasy Filmfest 2010 gern gesehen, aber leider funktionierten die Untertitel in unserem Kino nicht, ansonsten kenne ich nur seine Real-Life-Verfilmung von Videospiel ACE ATTORNEY. Dennoch ist es auch für eine Außenstehende, wie ich es bin, ein sehr unterhaltsamer Film. Trotz der stolzen Länge von 151 Minuten passiert eigentlich immer etwas und Manji kann man sich als eine Art japanischen Wolverine vorstellen, ein Mann, der kein Held sein will und es trotzdem wird. Die Dynamik zwischen ihm und Rin haben mich mehr als einmal an Arya und Sandor Clegane aus GAME OF THRONES erinnert.

Die Kämpfe sind trotz typisch völlig überzeichneten Waffen und Gegnern packend und auch die Geschichte leicht nachvollziehbar, wobei ich bei japanischen Filmen oft Schwierigkeiten habe. Es fließt eine Menge Blut und Körperteile fallen links und rechts,  dennoch hat man nicht das Gefühl, dass das nur passiert, weil der Film sonst nichts zu bieten hat. Kein tiefgreifendes Epos, das ich jetzt mehrfach sehen würde, aber auf jeden Fall empfehlenswert, wenn man gepflegte Schwertkampfchoreos und wilde Mangafrisuren mag.

8/10 rollenden Köpfen

Fantasy Filmfest 2017: RESET (4/10)

Finish your experiments. Go back to the past.

Science-Fiction-Filme werden beim Fantasy Filmfest nicht ganz so oft gespielt, hier hatte ich mit DISTRICT 9 und SNOWPIERCER schon richtige Glücksgriffe. Der Trailer von RESET sah sehr vielversprechend aus, leider liegt das wohl vor allem an dem Budget, das in Effekte und Setup gepustet wurde.

Die Storyidee an sich ist nicht schlecht: Die Forscherin Xia Tan arbeitet an einem Institut, das Zeitreisen durch künstliche Wurmlöcher möglich machen will, wird erpresst und nutzt die neue Technologie, um ihren Sohn vor dem Tod zu bewahren. Die Geschichte aber steckt sich selbst so einen kleinen Rahmen, dass man sich fragt, ob es hier ein Kammerspiel nicht auch getan und man das Geld für teure Verfolgungsjagden und Hightecheffekte nicht lieber in einen besseren Drehbuchautor investiert hätte. Zudem ergeben die Motivationen vieler Charaktere einfach gar keinen Sinn, auch der Twist überzeugt deswegen überhaupt nicht und wirkt forciert und somit langweilig.

Da gibt es einige bessere Spielereien mit Raum, Zeit und parallelen Universen, die ihr Blockbusterversprechen auch einlösen, INCEPTION und INTERSTELLAR sind nur zwei, die mir gerade einfallen.

4/10 Datenmodulen

Fantasy Filmfest 2017: THE VAULT (4/10)

No lies, short answers.

Das verzweifelte Geschwistertrio Vee, Leah und Michael braucht dringend Geld und überfällt eine Bank. Leider stellt sich heraus, dass in der Bank selbst viel zu wenig Bargeld vorhanden ist. Von einer der Geiseln bekommen die Gangster den Tipp, dass in der verlassenen, alten Tresor im Keller der Bank Unmengen herumliegt und was anfängt, wie ein Krimithriller, löst sich in der Art von FROM DUSK TIL DAWN in eine Horrorgeschichte auf.

Ich muss noch vier Reviews schreiben und möchte über schlechte Filme, eigentlich nicht mehr Energie und Zeit verwenden, als unbedingt nötig. Also, halten wir es kurz: THE VAULT setzt eine schon eher ungute Idee mittelmäßig bis schlecht um. Es gibt ein paar okaye Schockmomente und einen ganz netten Twist, denkt man aber mehr als fünf Minuten über all das nach, bröckelt alles recht schnell auseinander. Für einen Fernsehabend in Ordnung, wenn wirklich nichts anderes läuft, aber gebt bitte kein Geld dafür aus. Wer hiernach wirklich noch wissen will, worum es geht, Spoiler folgen – wobei man sowohl dem Trailer als auch dem Filmplakat eigentlich alles entnehmen kann.

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Fantasy Filmfest 2017: MY FRIEND DAHMER (10/10)

I’m just like anybody else.

Mein bisheriges Highlight des diesjährigen Festivals ist Marc Myers’ Verfilmung einer Bestseller-Graphic Novel. Diese wurde geschrieben und gezeichnet von John “Derf” Backderf, der wiederum ein Schulfreund des Serienmörders Jeffrey Dahmer war. Somit ist, wie der Kölner FFF-Lokalorganisator Matthias Strunz in einem seiner legendären Intros vor den Filmen bemerkte, bei diesem Coming of Age-Film aus Dahmers Highschoolzeiten wohl eher nicht mit einem Happy End zu rechnen.

Über Dahmer wusste ich vorher kaum mehr als das, was ihn berühmt machte: seine siebzehnfache Mordserie zwischen den 1970ern und 1990ern. Der Film bietet eine verstörenden Einblick in seine Teenagerjahre und schafft es, Dahmer weder als reines Opfer seiner Umstände zu zeichnen, noch als eiskaltes Monster. Sein Umfeld ist trist: Im lieblosen Elternhaus und den scharf getrennten sozialen Hierarchien des Highschoolalltags versucht Dahmer eigentlich nur, irgendwo seinen Platz in der Welt zu finden. Weder die sich ständig streitenden Eltern, noch die Freunde um Derf, für den er den Clown spielt, interessieren sich aber wirklich für das, was in ihm vorgeht. Er selbst steht seinen immer stärker aufbrodelnden Sehnsüchten und Fantasien eher hilflos gegenüber.

Wie das enden wird, ist klar, dennoch schafft der Film es, die Spannung konstant hochzuhalten. Dazu kommt ein wirklich durchdachtes Casting – eine Highschool, in der nicht sowohl Schülerinnen und Schüler als auch das Lehrpersonal aussehen, wie aus dem Modelkatalog ausgeschnitten, ist in amerikanischen Filmen eher selten. Alle Hauptrollen sind großartig gespielt, ganz besonders natürlich Ross Lynch als Jeffrey Dahmer. Fans, die ihn aus harmlosen Komödien  wie TEEN BEACH MOVIE kennen, dürfte hier einen kleinen Schock erleiden. Die Graphic Novel kommt zum Filmstart jetzt übrigens als neue Edition heraus (Affiliate-Link) – mein Exemplar ist schon vorbestellt.

10/10 überfahrene Ratten

Fantasy Filmfest 2017: MARLINA, THE MURDERER IN FOUR ACTS (7/10)

Women love to play the victim.

MARLINA ist einer der vielen Filme bei den Fantasy Filmfesten, bei denen ich mir gar nicht sicher bin, ob ich sie überhaupt bewerten kann, da ich über das Land, aus dem sie stammen und in dem sie spielen, gar nichts weiß. Auf Sumba, einer indonesischen Insel mit teilweise sehr ärmlichen und dünn besiedelten Landstrichen, lebt Witwe Marlina auf einer kleinen Farm. Als sie von einer Räuberbande überfallen wird, wäre ihre Aufgabe normalerweise, dies stumm über sich ergehen zu lassen und vielleicht noch gerächt zu werden, doch Marlina begehrt auf. So beginnt ihr Rachezug und etwas, das die Cannes-Rezension des Filmes als neues Genre “Saté-Western” feiert.

Anders als im klassischen Western, von dem der Film einiges an Stilmitteln und Symbolik leiht, gibt es hier keinen Showdown zur Mittagszeit. Die Banditen kommen nicht besonders weit und in den Sonnenuntergang reiten ausschließlich Frauen, die sich zu wehren wissen. Das alles in einer Gegend, in der die Uhren durch Hitze, Staub und fehlende Transportmöglichkeiten sehr langsam ticken – durch ausgedehnte Kamerafahrten und Momente, in denen einfach auch mal nichts passiert, kommt die bleiernde Stimmung auch beim Publikum an.

Am besten könnte man den Film der Regisseurin Mouly Surya wohl als Rache-Roadmovie-Western beschreiben. Ein ungewöhnlicher Film, der durch eine starke Protagonistin (gespielt von Marsha Timothy) überzeugt und der, ohne zu werten, Blicke in einen eher unbekannten Kulturkreis mit seinen Riten, Strukturen und Alltagssorgen gibt.

7/10 Hühnersuppen