Fantasy Filmfest 2016: Under the Shadow (7/10)

They will always know how to find you.

Filme außerhalb der persönlichen Komfortblase zu schauen ist für mich meistens etwas Bereicherndes. Ja, es kann auch furchtbar daneben gehen, das ist mir aber auch schon mit Filmen passiert, wo der/die Empfehlende sich ganz sicher war, dass er mir garantiert gefallen würde.  UNDER THE SHADOW erschien mir nach kurzem Blick auf die Zusammenfassung als zu deprimierend. Gerade mit der derzeitigen politischen Situation vor Augen wollte ich zumindest im Kino Pause vor der Realität haben. Aber ich ließ mich dann doch überreden und habe es nicht bereut.

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FFFN Reviews: Witching and Bitching – Bibi Blocksberg in der Menopause

“The time has come for vengeance!”

Mein letzter Film bei den diesjährigen Fantasy Filmfest Nights ist WITCHING AND BITCHING vom spanischen Kultregisseur Álex de la Iglesia, den ich bisher nur vom Hörensagen kannte. Er hat mich in jedem Fall neugierig auf seine anderen Werke, insbesondere THE LAST CIRCUS gemacht. Denn ein Film muss es auch erstmal schaffen, nach einem Shootout zwischen einem silbernen Jesus, einem grünen Soldaten, Spongebob, Minnie Mouse und der Polizei nur immer noch verrückter zu werden.

Aber was hätte José (Hugo Silva) denn auch machen sollen? Ständig sitzt ihm seine Exfrau wegen dem Unterhalt für ihren gemeinsamen Sohn Sergio im Nacken. Die vernünftigste Lösung ist natürlich mit dem Steppke im Schlepptau einen Juwelier zu überfallen und sich nach Frankreich abzusetzen. Mit dabei Komplize Tony (Mario Casa) sowie ihr unglücklicher Taxifahrer plus zufälligem Passagier. Leider führt sie die Flucht durch das Dorf Zugarramurdi, in dem es laut Legenden früher Hexen gegeben haben soll. Aber Hexen gibt es ja gar nicht – oder etwa doch?

Wäre ich gezwungen, WITCHING AND BITCHING in einem Satz zusammenzufassen, würde ich wohl sagen: QUICK CHANGE (“Ein verrückt-genialer Coup) plus FROM DUSK TILL DAWN, aber mit Hexen anstatt Vampiren. De la Iglesia wirft seine hilflosen Hauptcharaktere mit diebischer Freude direkt in die Klauen einer verrückten Hexentriade, die den kleinen Sergio für ein uraltes Ritual opfern und die anderen Männer als Zwischenmahlzeit einwerfen wollen. Kreischend und stolpernd schaffen sie es irgendwie, sich aus scheinbar aussichtslosen Situationen zu befreien, nur um noch tiefer in das okkulte Chaos zu stürzen. Auch im Tumult gefangen: zwei ziemlich inkompetente Polizeibeamte und Josès wutentbrannte Exfrau.

Der Film ist nichts für empfindliche Gemüter – sowohl, was die Gruseleffekte angeht und die Art und Weise, wie de la Iglesia Rollenklischees zwischen Männern und Frauen ausspielt. Körperteile fliegen nur so herum, die Frauen sind alle überemotionale Biester und haben die unbeholfenen und schwachen Männer an der kurzen Leine, die wiederum eine dumme Entscheidung nach der nächsten treffen. Man muss das schon mit gehörig schwarzem Humor zu nehmen wissen.

Fazit: Eine abgedrehte, rasante Horrorkomödie, lustig, aber nicht sehr tiefgreifend. Sie lebt von ihrer Situationskomik, den bizarren Charakteren und Settings sowie tonnenweise Slapstick-Gore. Leichte Kost, die aber einen Abend lang hervorragend unterhält. Danach sieht man vielleicht einige der mächtigen Frauen der Weltgeschichte (darunter auch Angela Merkel, die kurz Szenenapplaus bekam) und ein bekanntes Fruchtbarkeitssymbol mit ganz anderen Augen.

7/10 Finger

FFFN Reviews: Rigor Mortis – Asiahorror-Wundertüte

“All the vampires have vanished miraculously – along with the vampire hunters”

Ein Grund warum ich seit einigen Jahren so gerne zum Fantasy Filmfest und den Nights gehe ist, dass sie meinen filmischen Horizont auch über den europäischen und amerikanischen Tellerrand hin erweiterten. Ich muss zu meiner Schande geschehen, dass ich dort erst erfuhr, welche Perlen beispielsweise die koreanische und chinesische Filmszene birgt, gerade auch was Horrorfilme angeht. Der Trailer von RIGOR MORTIS versprach einen soliden, wenn auch nicht besonders originellen Gruselfim mit all dem, was Asia-Horror so zu bieten hat.

In der Tat kommt in RIGOR MORTIS ungefähr alles zum Zug, was ich je in asiatischen Horrorfilmen gesehen habe. Blasse Dämonenkinder, Rachegeisterfrauen mit langen Haaren und durch schwarze Magie wiedererweckte Untote spuken durch einen schimmligen, anonymen Apartmentkomplex mit seinen schrägen Bewohnern, die alle ein Geheimnis bergen. Hauptfokus liegt auf dem Schauspieler Chin Siu-ho, der eigentlich nur in das ruinöse Gebäude einzieht, um sich umzubringen. Gerettet wird er von Uncle Yau, dem man in seinem Outfit bestehend aus Bademantel und Feinripp seine Vergangenheit als Vampirjäger so gar nicht ansieht. Weitere Charaktere sind die gutmütige Auntie Mui, die für die Bewohner des Komplexes näht, ihr grummeliger Ehemann Uncle Tung, die verstörte Feng und ihr Sohn Pak, die nachts durch die Gänge schleichen und der sinistre Kau, der schwarze Magie praktiziert.

Nach Ende des Filmes hatte ich zwei Vermutungen: Erstens, dass mir nach dem doch recht überraschenden und emotionalen Twist der Film bei einem zweiten Durchgang sehr viel besser gefallen würde. Denn durch den absoluten Overkill an Tropen, Mythen und Horrorgestalten war er für mich sehr schwer verdaulich, obwohl sie für sich alle wunderbar inszeniert und gruselig waren – als würde einem drei verschiedene Lieblingsgerichte auf einmal serviert. Das Ende gibt aber zumindest einen Anhaltspunkt für dieses wirre Potpourri. Zweitens, dass mir höchstwahrscheinlich eine Menge Hintergrundwissen fehlt, mit dem der Film überhaupt erst lesbar ist. Tatsächlich bestätigte eine kurze Internetrecherche, dass RIGOR MORTIS eine Hommage an chinesische Vampirfilme der 80er im allgemeinen, der Serie MR VAMPIRE im speziellen und ohne Kenntnis der chinesischen Folklore und Mythen eigentlich nicht zu verstehen ist. Auch die Schauspieler hätten  bei einem chinesischen Publikum hohen Wiedererkennungswert – der aus den in den 80ern gefeierten Vampirfilmen bekannte Chin Siu-ho spielt sich in der Hauptrolle beispielsweise einfach selbst.

Fazit: Meine Wertung ist explizit aus meiner leider in dieser Hinricht recht ignoranten Warte als europäische Zuschauerin zu verstehen – ich bin mir sehr sicher, dass mir der Film in richtigem Kontext noch sehr viel besser gefallen hätte. Er hat mich auf jeden Fall sehr neugierig gemacht, denn all die Geschichten und Mythen, die dort angerissen wurden, waren sehr faszinierend – es war nur ein bisschen viel auf einmal.

7/10 Räucherstäbchen

Aside

FFFN Reviews: Snowpiercer – Dystopie im ÖPNV

“I belong to the front, you belong to the tail!”

SNOWPIERCER spielt in der nicht allzu fernen Zukunft. Eine  Maßnahme gegen die steigende globale Erwärmung ging leider voll nach hinten los und stürzte die Erde in eine neue Eiszeit. Die letzten Überlebenden der Menschheit fanden Zuflucht in einem Hightechzug der, unabhängig von externen Energiequellen, seither seine Bahnen durch die permagefrorene Welt zieht. Die Gesellschaft im Zug strukturiert sich nach den einzelnen Klassen: hinten im Zug fristet die Unterschicht ihr Dasein in engen, dreckigen Massenabteilen. Zuggeborene Kinder haben noch nie Sonnenlicht gesehen oder etwas anderes als die rationierten Proteinblöcke gegessen.

An der Zugspitze lebt die Elite, wohlgenährt und sauber. Sie bestimmt über alle wichtigen Ressourcen und setzt die Ordnung im Zug mit Gewalt und hohen Strafen durch. Doch eine Verschwörung ist im Gange, mit der die frustrierten Bewohner des Zugendes das brutale Regime umwerfen wollen. An der Front steht Curtis (Chris Evans, CAPTAIN AMERICA), ein von seinen Selbstzweifeln und einer dunklen Vergangenheit getriebener Mann, der mit seiner Rolle als Rebellenführer noch nicht wirklich einverstanden ist. An seiner Seite der weise, aber inzwischen gebrechliche Mentor Gilliam (britischer Topschauspieler John Hurt, der in Dystopien wie NINETEEN EIGHTY-FOUR und V FOR VENDETTA sowohl schon den Unterdrückten als den Unterdrücker spielen durfte) und der zuggeborene Edgar (Jamie Bell, BILLY ELLIOT), voll jugendlichem Tatendrang. Der erste Schritt zur Erstürmung des Zuges: Die Befreiung des Sicherheitstechnikers Namgoong Minsu (Song Kang-ho, THE HOST) aus dem Gefängniswagen – er soll den Rebellen die Tore zwischen den Waggons öffnen.

Sehr viel mehr braucht und sollte man von SNOWPIERCER gar nicht wissen, denn der Film besticht unter anderem durch sein exzellentes Storytelling. Obwohl der Film all das hat, was einen Hollywood-Blockbuster ausmacht – Action, High-Tech und eine prominente Besetzung –  stopft der koreanische Regisseur Boon Joon-ho dem Publikum in seinem ersten englischsprachigen Film Hintergrundgeschichte und Motivationen der Charaktere nicht  mit dem Löffel in den Mund. Anders als in so vielen belanglosen Hollywoodproduktionen vertraut er auf Beobachtungsgabe des Zuschauers und  spielt mit den Erwartungen des Publikums. So erlebt man tatsächlich nicht erst am Ende einige Überraschungen.

Fazit:  Bereits nach zehn Minuten hatte mich der Film mit seiner dynamischen Story und den charismatischen Persönlichkeiten so sehr am Schlaffittchen, dass ich unbedingt wissen musste, wie er weiterging. Mit jedem Tor, dass die Rebellen öffnen und mit jedem Waggon kommt ein Stück Geschichte zu Tage und gemeinsam mit Curtis staunt, leidet und kämpft man sich durch, bis zum Führerhaus wo der ominöse Wilson, Erbauer und Führer des Zuges, und die letzten zu lüftenden Geheimnisse befinden.

Ein spannender, facettenreicher Film, der trotz reichlich Action nie platt wirkt und auf tiefe Charaktere anstatt billiger Effekthascherei setzt. All das macht es auch einfacher, das bei näherer Betrachtung doch etwas wacklige Setting zu ignorieren und sich einfach mitreißen zu lassen. Allein wegen der großartigen Tilda Swinton als Ministerin Mason, der Margaret-Thatcher-esquen Exekutive von Wilson, sollte man ihn sich unbedingt ansehen.

9/10 Kakerlaken

FFFN Reviews: Enemy – Ich glaub’, ich spinne

“What is happening?”

Das Motiv des Doppelgängers ist in allen Genres gleichermaßen beliebt. Und so schrieb auch Literaturnobelpreisträger Josè Saramago einen Roman namens “Der Doppelgänger”, in dem ein Geschichtslehrer durch Zufall entdeckt, dass ein unbekannter Schauspieler genauso aussieht, wie er selbst. Der kanadische Regisseur Denise Villeneuve brachte das Buch als ENEMY auf die Leinwand und besetzte Jake Gyllenhaal mit der Doppelrolle.

Saramagos “Die Stadt der Blinden” zählt zu meinen Lieblingsbüchern und surreale Filme sehe ich ab und zu ganz gerne, also ließ ich mich auf dieses Experiment gerne ein. “Der Doppelgänger” kenne ich bisher nicht, habe aber bei dem (gescheiterten) Versuch, den Film besser zu verstehen die allwissende Müllhalde Wikipedia befragt. Anscheinend ist der Film eine stark verkürzte Version der Buchvorlage.

Geschichtslehrer Adam Bell (Gyllenhaal) lebt in einer abgehalfterten Wohnung, hat einen repetetiven Job und eine kalte, unpersönliche Beziehung in der zumindest das Sexleben stimmt. Durch Zufall entdeckt er in einem Film im Hintergrund einen Schauspieler, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Schon bald ist er in einer Spirale der Obsession mit seinem Doppelgänger und dessen Leben gefangen.

ENEMY ist sicher einer der surrealsten Filme die ich je gesehen habe (dazu zählt u. a. RUBBER). Jedesmal, wenn ich ungefähr dachte, herausgefunden zu haben worum es zum Teufel überhaupt geht, wurde wieder etwas eingeworfen, dass meine wirren Theorien völlig über den Haufen warf. Der Film will keine Geschichte erzählen, sondern malt lieber Szenen mit ruhiger Hand und langsamen, sorgfältig gestalteten Shots. Jedes  Gebäude, jede Requisite hat seinen Platz und so entsteht eine sehr dichte Atmosphäre. Der sehr verwirrende Plot wird durch traumartige Zwischensequenzen noch seltsamer, bei denen Arachnophobiker besser kurz die Augen schließen sollten. Dialoge und Informationen sind sehr rar gesät. Das Publikum soll entscheiden, was hier die Bedeutung ist und ob es am Ende überhaupt eine Lösung geben soll und muss.

Das für sich genommen würde ein schönes Stück Filmkunst ergeben, wenn hier die Regler nicht alle einfach zu weit aufgedreht worden wären. Der künstlerische Gelbstich wirkt wie der Alptraum eines Instagram-Hipsters. Das Cello im Soundtrack ist erst düster und verstörend, nervt aber nach einer Weile nur noch im Hintergrund herum. Die Besetzung ist erstklassig (Isabella Rossellini hat einen kleinen aber feinen Gastauftritt) aber so ganz ohne Dialoge kommen die bedeutsamen Blicke, die sie sich gegenseitig oder einfach nur in die Gegend werfen oft auch hilflos oder gelangweilt herüber. Und die Traumsequenzen sind derart bizarr, dass man sich die Frage stellt: Ist das Kunst oder kann das weg?

Fazit: Kunst liegt immer im Auge des Betrachters und daher tue ich mich schwer, diesen Film zu bewerten. Nur weil ich zu einem Stück surreale Kunst keinen Zugang finde, wertet es dieses ja nicht ab. Mich hat der Film oft an Kafkas Werke erinnert, die mich leider auch zwar beeindruckt aber nicht begeistert haben und im Endeffekt einfach zu sehr verwirren als dass ich sie wirklich genießen könnte.

5/10 Spinnen